Tierversuche sind gefährlich

Angeblich könne man nicht auf Tierversuche verzichten, weil man einen »kompletten Organismus« für die Entwicklung von Medikamenten brauche. Bei Tieren handelt es sich zwar um einen ganzen Organismus, aber um den falschen. Tiere und Menschen unterscheiden sich hinsichtlich Anatomie, Physiologie, Stoffwechsel und Lebensweise wesentlich voneinander. Wie die Wirkung eines neuen Medikamentes oder einer chemischen Substanz beim Menschen sein wird, lässt sich auf der Grundlage von Tierversuchen nicht mit der nötigen Sicherheit feststellen. Wirkt der neue Stoff beim Menschen genauso wie beim Tier? Wirkt er anders oder gar entgegengesetzt? Erst nachdem eine Substanz beim Menschen eingesetzt wurde, lässt sich erkennen, ob der Mensch in ähnlicher Weise wie das Tier reagiert. Dass man sich trotz dieser Unsicherheit auf Ergebnisse aus Tierversuchen verlässt, hat fatale Folgen.

Die vielen aufgrund von Tierexperimenten für sicher gehaltenen Medikamente, die beim Menschen schwerwiegende oder gar tödliche Nebenwirkungen hervorriefen, sprechen eine deutliche Sprache. Lipobay®, Vioxx®, Trasylol®, Acomplia® und TGN1412 sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Allein in Deutschland gehen Hochrechnungen zufolge 58.000 Todesfälle auf das Konto von Arzneimittelnebenwirkungen1.

Umgekehrt weiß niemand, wie viele sinnvolle Medikamente nie auf den Markt gelangen, weil sie aufgrund von irreführenden Tierversuchen vorzeitig aussortiert werden. Viele segensreiche Arzneien wie Aspirin, Ibuprofen, Insulin, Penicillin oder Phenobarbital wären uns vorenthalten geblieben, hätte man sich schon in früheren Zeiten auf den Tierversuch verlassen. Diese Stoffe rufen nämlich bei bestimmten Tierarten aufgrund unterschiedlicher Stoffwechselvorgänge gravierende Schädigungen hervor. Sie wären bei der heutigen Vorgehensweise der Wirkstofffindung durchgefallen.

Für jedes Produkt mussten Zehntausende Tiere leiden und sterben. Dabei handelt es sich in den allermeisten Fällen nicht einmal um Produkte, die die Medizin voranbringen, sondern um Kopien längst auf dem Markt befindlicher Medikamente sowie Lifestyle-Präparate. So wurden beispielsweise von der Firma Bayer völlig normale Alterserscheinungen des Mannes zu einem »Testosteron-Mangel-Syndrom« erklärt, um einen neuen Absatzmarkt für ein Hormonpräparat zu schaffen2. In Deutschland sind rund 60.000 Medikamente auf dem Markt3. Viele davon sind identisch und werden nur unter anderem Namen vermarktet. Laut WHO sind nur 325 Wirkstoffe zur Behandlung menschlicher Krankheiten erforderlich4.

Tierversuche sind schlechte Wissenschaft

Da die meisten menschlichen Krankheiten bei Tieren nicht vorkommen, werden die Symptome auf künstliche Weise in sogenannten »Tiermodellen« nachgeahmt. Um zum Beispiel Parkinson auszulösen, wird bei Affen, Ratten oder Mäusen ein Nervengift in das Gehirn injiziert, das Hirnzellen zerstört. Krebs wird durch Genmanipulation oder Injektion von Krebszellen bei Mäusen hervorgerufen. Schlaganfall wird durch das Einfädeln eines Fadens in eine Hirnarterie bei Mäusen erzeugt. Zuckerkrankheit ruft man durch Injektion eines Giftes in Ratten, das die Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, hervor. Ein Herzinfarkt wird bei Hunden durch Zuziehen einer Schlinge um ein Herzkranzgefäß simuliert.

Die künstlich hervorgerufenen Symptome haben jedoch nichts mit den menschlichen Krankheiten, die sie simulieren sollen, gemein. Wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, schädliche Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren werden dabei außer acht gelassen. Ergebnisse aus Studien mit Tieren sind daher irreführend und irrelevant.

Tatsächlich versagt die tierexperimentell ausgerichtete Forschung immer wieder auf ganzer Linie. 92% der potentiellen Arzneimittel, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, kommen nicht durch die klinische Prüfung, entweder wegen mangelnder Wirkung oder wegen unerwünschter Nebenwirkungen5. Von den 8% der Wirkstoffe, die eine Zulassung erhalten, wird die Hälfte später wegen erheblicher, oft tödlicher Nebenwirkungen entweder zurückgezogen oder mit Warnungen versehen6.

Beispielsweise glaubte man mit der »Erfindung« der Krebsmaus den Schlüssel zur Bekämpfung bösartiger Tumoren endlich in der Hand zu halten. Durch Einschleusen eines menschlichen Krebsgens in das Erbgut entwickeln die Mäuse Tumore. Zigtausende Krebsmäuse wurden bereits »geheilt«. Doch alle bei den Nagern »erfolgreichen« Behandlungsmethoden versagten beim Menschen.

Regelmäßig kündigt die tierexperimentelle Forschung einen Durchbruch bei allen möglichen Krankheiten an. Im Tierversuch hätte sich diese oder jene Behandlungsmethode im Kampf gegen Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Krebs, Arterienverkalkung usw. als erfolgreich erwiesen. Doch die Hoffnungen der betroffenen Patienten werden so gut wie immer enttäuscht. Von den gefeierten Wundermitteln hört man nie wieder etwas. Der Mensch ist eben doch keine Maus.

Tierversuche nützen nicht nur nichts, sie schaden sogar. Sie spiegeln eine Sicherheit wider, die nicht vorhanden ist und sie halten, wegen der falschen Ergebnisse, die sie liefern, den medizinischen Fortschritt nur auf.

Tierversuchsfreie Methoden sind gute Wissenschaft

Das Ende der Tierversuche bedeutet nicht das Ende der medizinischen Forschung. Im Gegenteil: Eine Verlagerung auf Studien am Menschen zum Beispiel im Bereich der Epidemiologie, klinischen Forschung, Arbeits- und Sozialmedizin würden in der Medizin zu wirklichen Fortschritten führen. Tierversuchsfreie Testmethoden mit menschlichen Zellen und Geweben liefern im Gegensatz zum Tierversuch genaue und aussagekräftige Ergebnisse. Technisch ausgefeilte Computermodelle können Informationen über Struktur, Wirkung und Giftigkeit von Substanzen, wie zum Beispiel neue Arzneimittel oder Chemikalien, liefern. Mikrochips kombinieren Computer- und In-vitro-Methoden miteinander und ermöglichen Wirkung und Verstoffwechselung einer Substanz zu testen.

Warum werden immer noch Tierversuche gemacht?

Das Festhalten am Tierversuch hat nicht wissenschaftliche Gründe, sondern basiert größtenteils auf einem 150 Jahre alten Denkmuster. Nur was experimentell nachvollziehbar ist, gilt als wissenschaftlich. Im Rahmen dieses Wissenschaftssystems werden Krankheiten zu technischen Defekten und Tiere zu Messinstrumenten.

So wird denn auch die Qualität eines Forschers nicht daran gemessen, wie vielen Menschen er geholfen hat, sondern an der Menge seiner Fachpublikationen. Nach dem Motto »Publish or perish« (Veröffentlichen oder untergehen) kann man sich nur mit einer langen Liste von Veröffentlichungen in der Welt der Wissenschaft profilieren. Je mehr Publikationen und je angesehener die Zeitschrift desto besser für die Karriere und das Eintreiben von Forschungsgeldern.

Für die Pharmaindustrie haben Tierversuche eine Alibifunktion. Wenn mit einem Medikament etwas schief geht, kann der Hersteller auf die durchgeführten Tierstudien verweisen, in denen die Nebenwirkungen nicht aufgetreten waren.

Einflussreiche Interessensgruppen profitieren vom Tierversuch. Experimentatoren, Universitäten, Pharma- und chemische Industrie. Auftragslabors, Versuchstierhändler, Firmen, die Zubehör herstellen - sie alle wollen, dass Tierversuche beibehalten werden.

Fazit

Der Tierversuch stellt nicht nur eine grausame und deshalb unethische, sondern auch eine unwissenschaftliche Methode dar, die in einer modernen Medizin und Wissenschaft des 21. Jahrhunderts keinen Platz mehr haben darf.

Dr. med. vet. Corina Gericke


Quellen:

  1. Schnurrer J.U. et al.: Zur Häufigkeit und Vermeidbarkeit von tödlichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Der Internist (2003) 44, S. 889-895
  2. Blech J.: Die Abschaffung der Gesundheit. Der Spiegel (2003) 33, S. 116-128
  3. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Verkehrsfähige Arzneimittel im Zuständigkeitsbereich des BfArM. http://www.bfarm.de/cln_103/DE/Arzneimittel/4_statistik/statistik-verkf-am-zustBfArM.html?nn=1009778, Stand vom 15.11.2010
  4. WHO: WHO releases first global reference guide on safe and effective use of essential medicines. Weltgesundheitsorganisation, www.who.int, Pressemitteilung vom 04.09.2002
  5. U.S. Food and Drug Administration Report: Innovation or Stagnation - Challenge and Opportunity on the Critical Path to New Medical Products (2004) S. 8
  6. United States General Accounting Office: FDA Drug Review Postapproval Risks 1976-85. (1990) S. 3

 
Startseite   Drucken   Beitrag weiterempfehlen