REACH: Sterben für Europa Sie sind überall um uns herum: In unseren Nahrungsmitteln, in unserer Kleidung, in Möbeln, Autos, Computern, in Kinderspielzeug und Putzmitteln. Chemikalien sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. Manche sind harmlos, manche gefährlich - ganz genau weiß man das nicht. Die EU möchte es genau wissen und will Zigtausende Chemikalien, die vor 1981 auf den Markt kamen, einmal auf »Herz und Nieren« durchtesten. Insoweit eine gute Sache. Der Haken: die Sicherheitsprüfungen der Stoffe sollen größtenteils anhand von Tierversuchen erfolgen. Doch die sind nicht nur grausam, sondern lassen auch keinerlei Rückschlüsse über die Gefährlichkeit einer Chemikalie für den Menschen zu. Schätzungen gehen von bis zu 54 Millionen Tieren aus, die für die EU-Richtlinie REACH leiden und sterben sollen. Am 1. Juni 2007 trat REACH in Kraft. Sechs Jahre lang hatten EU-Gremien und verschiedene Interessensgruppen zuvor um das Mammutwerk gerungen. Wir Ärzte gegen Tierversuche hatten uns zusammen mit unseren Partnern der Europäischen Koalition zur Beendigung von Tierversuchen sowie zahlreichen anderen Tierschutz- und Tierrechtsverbänden für ein ganz tierversuchsfreies REACH eingesetzt - nicht nur der Tiere wegen, sondern auch, weil Tierversuche ungeeignet sind, Mensch und Umwelt vor schädlichen Chemikalien zu schützen. Nur eine sorgsame Auswertung bereits vorhandener, am Menschen gewonnener Daten sowie der Einsatz tierversuchsfreier Reagenzglas-Methoden würden zu einer tatsächlichen Abschätzung der Risiken für Mensch und Umwelt führen. Doch die EU hat eine einmalige Chance verpasst, endlich einen Schlussstrich unter die Giftigkeits-Tierversuche zu setzen. Anstatt auf moderne, durchdachte Prüfstrategien zu setzen, wird nach wie vor an einem völlig veralteten Denkmuster festgehalten, bei dem ein Katalog aus grausamen und sinnlosen Tierversuchen abgearbeitet wird. Die Anzahl und Art der Tierversuche richtet sich dabei nach der Produktionsmenge - je höher die Menge, desto mehr Daten sind gefordert. Die Palette reicht von akuten Giftigkeitstests, bei denen Ratten oder Mäusen die Substanzen in den Magen gefüllt werden, über Hauttests an Kaninchen und Meerschweinchen bis zu Mehrgenerationentests, bei denen für eine Substanz mehrere tausend Ratten sterben. Schätzungen gehen von bis zu 54 Millionen Wirbeltieren aus, die im Rahmen von REACH ihr Leben lassen sollen. Wie viele Tiere es tatsächlich sein werden, ist noch unklar. Bislang ist noch nicht einmal bekannt, wie viele Chemikalien für REACH getestet werden sollen. Bei der EU-Chemikalienbehörde ECHA in Helsinki wurden 150.000 Stoffe vorregistriert. Ursprünglich war man von 30.000 Substanzen ausgegangen. Für jede Chemikalie soll allerdings zum Schluss nur ein Dossier eingereicht werden. Das heißt, die Firmen können nicht einfach drauf los testen, sondern müssen erst einmal prüfen, ob eine Chemikalie auch noch von anderen Herstellern vorregistriert wurde. Firmen, die die gleichen Stoffe herstellen, müssen sich zu Konsortien, den sogenannten SIEFs zusammenschließen, um ihre Daten auszutauschen. Eine wesentliche Errungenschaft, die von den Tierschutz- und Tierversuchsgegnerverbänden gegen den massiven Widerstand der Industrie durchgesetzt wurde. Es ist allerdings zu befürchten, dass manche Unternehmen ihre vorhandenen Daten als Betriebsgeheimnis unter Verschluss halten und lieber neue Tierversuche machen. Für Substanzen, die als besonders gefährlich bekannt sind oder in einer Menge von mehr als 100 Tonnen pro Jahr produziert werden, dürfen Tierversuche nur nach Genehmigung durch die ECHA durchgeführt werden. Die ECHA veröffentlicht die Bezeichnungen der Chemikalien, für die Anträge eingereicht wurden, auf ihrer Website. 45 Tage lang können diese von Dritten kommentiert werden, eine Forderung, die ebenfalls aufgrund des Drucks der Tierschutz- und Tierversuchsgegnerverbände Eingang in REACH gefunden hat. Fachleute können so herausfinden, ob die geforderten Daten bereits vorhanden sind oder wie sie ohne Tierversuche gewonnen werden können. Erst dann entscheidet die ECHA, ob die vorgeschlagenen Tierversuche durchgeführt werden dürfen oder nicht oder ob weniger oder mehr Tierversuche gemacht werden müssen. Wir Ärzte gegen Tierversuche werden alles daran setzen, möglichst viele Tierversuche zu verhindern, indem wir im Rahmen der 45-Tage-Kommentierungsphase mit unseren Fachleuten fundierte Stellungnahmen zu den Tierversuchsanträgen bei der ECHA einreichen. Alle bislang von der Behörde veröffentlichten 15 Anträge wurden von uns kommentiert. Potentiell zu rettende Tiere waren bislang 12.652 Ratten, 1.056 Kaninchen, 320 Fische und 50 Mäuse. Ob diese Tierversuche dank unserer Arbeit tatsächlich nicht durchgeführt werden, erfahren wir erst in einem Jahr. Solange braucht die ECHA für ihre Entscheidung. In den nächsten Monaten und Jahren werden Hunderte weitere Anträge erwartet, zu denen unsere Fachleute ausführlich Stellung beziehen werden.
>> Die REACH-Chance: 45 Tage um Tiere zu retten |