Fortschritt ohne Tierversuche auch in der Grundlagenforschung: Stammzellen aus abgesaugtem Fett Wer denkt beim Thema Stammzellen nicht sofort an verunstaltete, gequälte Tiere wie Klonschaf Dolly oder Frankensteins neue Menschen im »perfektem Design«, entworfen von Gen-Ingenieuren, gewonnen aus dem Brei abgesaugter Schwangerschaften? Doch in diesen Schreckensvorstellungen, die die Stammzelldiskussionen in der breiten Öffentlichkeit beherrschen, geht leicht unter, dass Stammzellen an sich keine Neuerfindung sind. Seit über 20 Jahren werden sie aus Blut oder Knochenmark gewonnen, als Ersatz für dieses blutbildende Organ bei vielen Blutkrebsformen oder nach umfangreicher Strahlen- und Chemotherapie zur weiteren Behandlung eingesetzt. Diese Stammzellen sind sogenannte adulte Stammzellen, im Gegensatz zu denen aus zerkleinerten Embryonen. Im Jahr 2004 erregten Düsseldorfer Herzspezialisten erstmals mit dem erfolgreichen Einsatz bei Infarktpatienten - ohne vorhergehende Tierversuche - Aufsehen in der Öffentlichkeit und der Fachwelt (1). Dabei werden Stammzellen aus dem Knochenmark des Patienten in das geschädigte Herz gespritzt. Das Verfahren wurde seither weiterentwickelt und ist heute bei entsprechend spezialisierten Ärzten der Düsseldorfer Universitätsklinik eine etablierte Maßnahme. Adulte Stammzellen haben die Fähigkeit, sich in begrenztem Umfang in andere Gewebe umzuwandeln und damit geschädigtes Gewebe zu ersetzen. Die Umwandlung kann durch die Umgebung der Zellen beeinflusst werden. Wegen der noch sehr unzureichend geklärten Mechanismen sucht die Grundlagenforschung nicht nur nach Möglichkeiten der Umwandlungskontrolle, sondern auch nach Quellen. Eine davon, die grundsätzlich ohne die Manipulation von Tieren auskommt, haben Forscher um Professur Joseph Wu von der kalifornischen Stanford-Universität in der Zeitschrift PNAS (2) vorgestellt. Ihnen gelang es, aus abgesaugtem Körperfett von Schönheitsoperationen menschliche Stammzellen ohne die bisher für unverzichtbar gehaltene, gleichzeitige Verwendung von Mäusezellen zu gewinnen. Diese Stammzellen aus Fettgewebe können z. B. in Knochen oder Muskelzellen umgewandelt werden. Die damit gewonnenen adulten Stammzellen stellen eine ethisch unbedenkliche Quelle für die Klärung grundlegender wissenschaftlicher Fragen dar, mit dem Ziel, kaputte Organe bei menschlichen Patienten reparieren zu können, ohne dass Tieren dafür Leid und Qual zugefügt wird. Dr. med. Wolfgang Wegert Quellen(1) Blech, Jörg: Experimente am Herzen. Der Spiegel 20/2004; S. 142-44 (2) Sun N et al.: Feeder-free derivation of induced pluripotent stem cells from adult human adipose stem cells. PNAS, 2009, 106(37), 15720-15725
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