Forschungsfreiheit ist keine Narrenfreiheit

Das Ende von Herrn Kreiters Makakenversuchen

Seit 1997 forscht der Neurowissenschaftler Andreas Kreiter an der Uni Bremen - im Hirn von Makaken (1), und seitdem gibt es Streit um die Affenversuche an der Universität Bremen. Alle drei Jahre wurde bislang die Genehmigung verlängert (2), und auch diesen Sommer hat Kreiter die erneute Genehmigung beantragt. (1) Ein 2003 angeschaffter Kernspintomograf brachte nicht die politisch gewünschte Reduktion der Tierversuche, sondern gestaltete die Forschung nach Kreiters Angaben »nur effektiver« (5). Senat und Bürgerschaft fordern seit 2007 den Ausstieg aus den Versuchen - Eine entsprechende Absichtserklärung hat die Bremer Bürgerschaft 2007 verabschiedet und Rot-Grün in den Koalitionsvertrag geschrieben. (1) Am 15. Oktober 2008 wurde Kreiter offiziell informiert, dass der Gesundheitssenat, der für die Genehmigung von Tierversuchen zuständig ist, seine Bewilligung nicht erneuern wird. Mit Bezug auf »veränderte soziale Werte« argumentiert die Behörde, dass die Experimente »ethisch nicht gerechtfertigt« seien, da sie sich langfristigen wissenschaftlichen Fragen widmeten und keine spezifischen medizinischen Therapien zum Ziel haben. Damit läuft Kreiters Genehmigung zur Durchführung der Experimente am 30. November 2008 aus.(9)

Prominente Wissenschafts-Kollegen, die die ethischen Ansichten von Herrn Kreiter teilen und anwenden, haben sich bisher reichlich und ausgiebig in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet, auch wenn für sie dabei die Leiden der Tiere vollkommen irrelevant waren. »Um Tiere zu dressieren, braucht man bestimmte Anreize«, sagt Kreiter (7). Im Klartext: Die Makaken bekommen mehrere Tage lang nichts zu trinken, um dann nach erfolgreicher Erledigung einer Aufgabe ihren Durst mit Apfelsaft stillen zu dürfen (2). Sie halten für vermeintlich effiziente Therapien auch jahrelange Grundlagenforschung mit und an Tieren für gerechtfertigt, so die Professoren Fischer und Heldmaier. (3) Sie schrecken auch, wie Professor Scheich aus Magdeburg, nicht vor perfiden Argumentationen zurück, wer Medikamente einnimmt, sei als Gegner dieser Versuche unglaubwürdig (1) - so als ob es tierversuchsfrei zugelassene Medikamente gleicher Wirkung gäbe. Und dass Tiere als Lebewesen mit moralischen und empathischen »Defiziten« deshalb nach Gutdünken benutzt werden dürften. Oder sie greifen gleich in die Schublade »Unsinn«, so wie Universitätskonrektor Reinhard Fischer, der Makaken zu Wüstentieren deklariert, weil sie mehrere Tage lang ohne Flüssigkeitszufuhr auskommen (2). Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, Dr. M. Hartmer, gab sich in der FAZ (6) beleidigt, bezeichnete die Bestrebungen der Bremer Politik, die Makakenforschung zu beenden, als Peinlichkeiten und Trauerspiele, die die Forschungsfreiheit gefährdeten. Uni-Rektor Professor Wilfried Müller reklamierte gar ein Monopol für ethische Deutungshoheit bei Tierversuchen und kritisierte, »die Behörde maße sich eine eigene ethische Abwägung zwischen der Bedeutung von Tierversuchen für die Grundlagenforschung und der damit verbundenen Belastung. Das sei Aufgabe der Wissenschaftler.« (7)

Im Vergleich zum vielzähligen, lauten, aufgeregten und manchmal auch recht schrillen Chor der Kreiter-Freunde, gehen die Stimmen für Belange der Affen in der Öffentlichkeit ziemlich unter. Schon die Qualen der Schädel-OP und der postoperativen Phase lassen sich leicht erahnen, wenn man einmal die Reaktionen von Menschen bloß auf das Ziehen der Fäden nach solchen Operationen miterlebt. Ganz zu schweigen von implantierten Metallringen im Auge, permanentem Durst und stereotypem Training auf optische Reize. Dabei dauert dieses Martyrium für die Affen Jahre, dann folgt die Tötung »nach Tierschutzgesetz«. Eine klinische Anwendung ist Herr Kreiter in all den 10 Jahren bisher schuldig geblieben.

Unterstrich Kreiter noch 2004, dass seine wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Grundlagenforschung angesiedelt sei (5), so bemüht er heute eine »Bedeutung für die Epilepsiebehandlung«, die sich bei näherem Hinsehen als methodische Ähnlichkeit von Experimenten statt manifester klinischer Realität entpuppt. Sich gleich mehrere Elektroden ins Hirn bohren und dort verweilen zu lassen, nur um Epilepsieverläufe und -lokalisationen präziser bestimmen zu können, ist Kranken sicherlich schwer zu vermitteln. Dass ein solcher Apparat selbst potentiell epilepsieauslösend wirken kann, ist ihm vermutlich entgangen, auch wenn man ihm das als Zoologen nicht wirklich vorwerfen kann. Auch seine bei pubmed und in unserer Datenbank gelisteten Veröffentlichungen sprechen eine eindeutige Sprache: Grundlagenforschung.

Professor Kreiter will dagegen notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht klagen und rechnet mit einem mehrjährigen Rechtsstreit. Neben der Universitätsleitung hat nach deren Angaben auch das Präsidium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) dem Hirnforscher alle Unterstützung zugesagt (8).Dass ein Gutachten im Auftrag des Wissenschaftssenators, das den Versuchen und ihren Ergebnissen eine hohe internationale wissenschaftliche Bedeutung zuschreibt, verwundert da nicht. Schließlich wurde es von wohl- und gleichgesinnten Kollegen erstellt, die sich nach den Ereignissen dieses Jahres in der Schweiz (4) über den Präzedenzfallcharakter des Bremer Streits und der behördlich verweigerten Genehmigung durchaus im Klaren sind. Dort hatte eine Genehmigungsbehörde unter Berufung auf die Verfassung Wissenschaftlern der ETH Zürich ebenfalls Hirnexperimente mit Makaken unter Verweis auf deren Würde untersagt (4). Da ist die Unterstützung beim Erhalt auch des eigenen Status quo nur zu leicht nachvollziehbar.

Bei all dem bleibt die Frage an die politisch Verantwortlichen, warum sie den parteiübergreifend mehr oder weniger ungeliebten Freunden der neurobiologischen Tierexperimentatoren nicht den Wind aus den Segeln nehmen, indem sie mit öffentlichen Mitteln Forscher und Projekte fördern, die äquivalente Ergebnisse mit bildgebenden und nichtinvasiven Verfahren an Probanden und Patienten erarbeiten. Die Verweigerung der Genehmigung für Kreiters weitere Makakenversuche macht klar, dass für den Umgang mit diesen hochentwickelten Tieren der Grundsatz »Ars gratia artis« also »Forschung um der Forschung willen« nicht akzeptabel ist. Eine gerichtliche Bestätigung des Endes wäre ein Fanal, dass diese Art Forschung in Deutschland endlich keinen Platz mehr haben wird.


Wolfgang Wegert, Arzt


Quellen:
(1) Sind Affenversuche ethisch vertretbar? www.taz.de, 11.08.2008
(2) Bremen: Affenversuche könnten vor Gericht landen. ZEIT online,
Tagesspiegel 13.10.2008
(3) Bremen: Affenversuche an der Bremer Universität. Freiheit der Forschung
oder Freiheit der Tiere? Radio Bremen, 11.12.2007
(4) Swiss court bans work on macaque brains. Nature 453, 12 Juni
2008
(5) Uni pro Affen-Versuche. www.taz.de. 15.12.2004
(6) Zwischen Provinzposse und Forschungsskandal. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bildungswelten. 2.10.2008
(7) Universität Bremen wehrt sich gegen Verbot von Affenversuchen.
Welt online, 17. Oktober 2008
(8) Streit um Affenversuche. Bremer Forscher klagt. Badische Zeitung vom
Freitag, 17. Oktober 2008
(9) Deutsche Behörden stoppen Arbeit mit Primaten. Bewilligung für Experimente mit Makaken wird nicht erneuert. Tagesspiegel/nature news, 28.10.2008
 
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