Mäuse zusammengenäht Rückfall ins Mittelalter Stellen Sie sich vor: Sie wachen aus einer Narkose auf und eine Person, die Sie noch nie zuvor gesehen haben, ist seitlich an Sie drangenäht. Fortan müssen Sie alles zu zweit machen: laufen, essen, schlafen. Unvorstellbar? Mäuse müssen dies aushalten. Seit mindestens 20 Jahren wurden so genannte Parabiose-Experimente, bei denen zwei Mäuse wie Siamesische Zwillinge miteinander verbunden werden, in Deutschland nicht mehr durchgeführt. An der Medizinischen Hochschule Hannover wurden solche Versuche jetzt genehmigt. Jeweils zwei Mäuse werden an der Seite zusammengenäht. Ein Rückfall ins Mittelalter. Parabiose-Experimente waren bis in die 60er Jahre üblich. Sie wurden vor allem zur Erforschung der Fettleibigkeit verwendet. Eine genetisch veränderte, übergewichtige Maus wurde mit einer normalen Maus vernäht. Die dicke Maus fraß nun weniger und wurde dünn. Man fand eine Art Sättigungsfaktor, das Hormon Leptin, das bei Mäusen die Nahrungsaufnahme regelt. Damit glaubte man, den Schlüssel zur Behandlung der Adipositas in der Hand zu haben. Doch beim Menschen funktionierte der Schlankmacher mal wieder nicht. Das medizinische Wissen wurde lediglich um einen kleinen Mosaikstein erweitert, der aber keinerlei praktischen Nutzen hat. Die Ursachen der Fettleibigkeit beim Menschen sind offensichtlich wesentlich komplexer als bei der Maus. Psychosoziale, kulturelle und familiäre Faktoren spielen die entscheidende Rolle. Erst kürzlich konnte eine epidemiologische Studie der Harvard Medical School, Boston, und der University of California, San Diego, zeigen, dass Fettleibigkeit ansteckend ist*. Dicke Personen im Freundeskreis ändern die Normen für das eigene Gewicht. Solche sozialen Faktoren werden wie immer in der tierexperimentellen Forschung überhaupt nicht berücksichtigt. In der Abteilung für Nephrologie der Medizinischen Hochschule Hannover sind Parabiose-Experimente im Rahmen der Stammzellforschung geplant. Einer Maus werden die Nieren fast vollständig entfernt. Es soll untersucht werden, ob sich Stammzellen der zweiten, angenähten Maus an der Reparatur des geschädigten Nierengewebes beteiligen. Zurzeit wird die Belastung der Tiere getestet. In Vorexperimenten wurde festgestellt, dass sich die Abwehr der Tiere gegen den Zustand nach ein paar Tagen verringert. Hieraus wurde geschlossen, dass die Belastung für die Mäuse nicht besonders hoch sei. Welch ein Trugschluss! Die Situation der Tiere ist mit der »erlernten Hilflosigkeit« bei Depressionsversuchen zu vergleichen, bei denen Nagetiere zum Beispiel mit unausweichlichen Stromstößen traktiert werden. Die Tiere erkennen nach anfänglicher Gegenwehr, dass es keinen Ausweg gibt. Sie geben auf und fügen sich in ihr Schicksal. Manche menschlichen siamesischen Zwillinge wollten unter allen Umständen voneinander getrennt werden. Andere wollten das Risiko nicht eingehen. Allerdings konnten sie sich von Geburt an aneinander gewöhnen. Tiere zusammenzunähen ist extrem grausam und ethisch nicht vertretbar. Dass solche Frankenstein-Experimente jetzt wieder ausgegraben werden, ist ein Rückfall ins tiefste Mittelalter. Dabei geht es um reine zweckfreie Grundlagenforschung. Neue Therapien für den Menschen sind genauso wie damals bei der Adipositas-Forschung nicht zu erwarten. Menschen sind nun mal keine Mäuse und die Ergebnisse aus Tierversuchen sind deshalb nicht übertragbar. * Nicholas A. Christakis, James H. Fowler: The Spread of Obesity in a Large Social Network over 32 Years. New England Journal of Medicine, 26 July 2007, 357 (4), 370-379
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