Irrwege der Hirnforschung

Ein Menschenhirn ist kein großes Affenhirn

Hauptsächlich sind es Rhesus- und Javaneraffen, die in der Hirnforschung leiden und sterben müssen. Überall in der Welt werden dabei die mehr oder weniger gleichen Versuche durchgeführt. Wie unsere Datenbank belegt, wird in Deutschland Hirnforschung an Affen in Bochum, Bremen, Freiburg, Göttingen, Marburg, München und Tübingen betrieben. Die Versuche sind nicht nur äußerst grausam, sondern auch sinnlos, denn zu groß sind die Unterschiede zwischen Affen- und Menschenhirn.

Üblicherweise wird den Tieren ein Loch in den Schädel gebohrt. Darüber wird eine Kammer montiert, durch die später Elektroden direkt in das Gehirn eingeführt werden können. Ein Metallbolzen wird auf den Schädelknochen geschraubt. Die wachen Affen werden dann an einen Affenstuhl geschnallt. Ihr Kopf wird mit Hilfe des Bolzens unbeweglich an einem Gestell angeschraubt. Sie müssen auf einen Bildschirm schauen und dabei Aufgaben erledigen, z.B. einen Punkt auf dem Monitor verfolgen oder bei bestimmten Bildern einen Hebel betätigen. Damit die Affen machen, was die Forscher von ihnen verlangen, bekommen sie für richtig erledigte Aufgaben einen Tropfen Saft. Außerhalb der Versuche erhalten sie oftmals gar nichts zu trinken, so dass den intelligenten Tieren gar nichts anderes übrig bleibt, als zu kooperieren, um ihren Durst zu stillen.

Das Leid, das diesen Tieren angetan wird, ist unermesslich. Der permanent quälende Durst, das Anschrauben des Kopfes, die Gerätschaften auf dem Kopf, die Haltung in oftmals kleinen, vollkommen leeren Käfigen ohne jeglichen Sozialkontakt - viele Affen müssen diese Torturen jahrelang über sich ergehen lassen.

Es heißt, die Hirnforschung diene angeblich dazu, das menschliche Gehirn besser zu verstehen, um eines fernen Tages Therapien gegen Alzheimer und Parkinson entwickeln zu können. Affen sind von allen Tieren dem Menschen am ähnlichsten, aber wie groß ist die Ähnlichkeit wirklich? Aysha Akhtar, M.D., M.P.H. (1), Neurologin aus Washington, USA, hat einige neuroanatomische und neurophysiologische Unterschiede zusammengetragen:

  • Die Hauptentwicklungsphase des Affenhirns dauert 136 Tage, die des menschlichen Gehirns 470 Tage (2).
  • Die menschliche Hirnrinde hat eine 10-mal größere Oberfläche als die des Affen (3).
  • Der V1-Bereich (ein Teil der Sehrinde) macht beim Affen 10 % der gesamten Hirnrinde aus, beim Menschen nur 3 % (4).
  • Identische Bereiche in der Sehrinde haben bei Affe und Mensch ganz unterschiedliche Funktionen (5,6).
  • Ein menschliches Neuron hat 7.000 bis 10.000 Synapsen (Verbindungen zu anderen Neuronen), beim Rhesusaffen sind es nur 2.000 bis 6.000 (2).
  • Menschen haben zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die es beim Affen gar nicht gibt (7).
  • Das menschliche Gehirn hat Areale, die es beim Affen nicht gibt: für Sprache, Lesen, Singen, Gedichte schreiben, Rechnen, Sport, abstraktes Denken (8).
  • Eine Schädigung eines bestimmten Bereichs des motorischen Systems verursacht beim Menschen Akinesie, einen kompletten Ausfall von Sprache und Muskelbewegungen. Beim Affen hingegen gibt es nur eine geringe Beeinträchtigung (9).
  • Eine Schädigung des Scheitellappens, eines Abschnitts des Großhirns, ruft beim Menschen Apraxie hervor, eine Störung von Bewegungsabläufen und die Unfähigkeit bei erhaltener Bewegungsfähigkeit Gegenstände sinnvoll zu verwenden. Die gleiche Schädigung beim Affen verursacht lediglich geringfügige Muskelstörungen (9)

Die heutigen Technologien erlauben den Forschern das Gehirn bis ins kleinste Detail zu untersuchen. Schon allein deswegen ist es wichtig, das »Zielgehirn« zu untersuchen und nicht das einer anderen Tierart. Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanz- oder Positronenemissions-Tomographie kann die Verarbeitung von neuronalen Reizen im Gehirn von Probanden untersucht werden. Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.


Literatur
(1) Aysha Akhtar, M.D., M.P.H.: »Neurological Experiments: Monkey See...But Not Like Humans«, Mai 2006, http://www.pcrm.org/resch/anexp/beyond/monkey_0605.html
(2) Dehaene S, Duhamel J-R, Hauser MD, Rizzolatti G. Cambridge, MA: MIT Press, 2005: 83
(3) Dehaene S, Duhamel J-R, Hauser MD, Rizzolatti G. Cambridge, MA: MIT Press, 2005: 3.
(4) Dehaene S, Duhamel J-R, Hauser MD, Rizzolatti G. Cambridge, MA: MIT Press, 2005: 9.
(5) Dehaene S, Duhamel J-R, Hauser MD, Rizzolatti G. Cambridge, MA: MIT Press, 2005: 277
(6) Tootell RBH, Mendola JD, Hadjikhani NK, et al. J. Neurosci. 1997, 17: 7060-7078
(7) Vanduffel W, Fize D, Peuskens H, et al. Science. 2002, 298: 413-415
(8) Crick F, Jones E. Nature, 1993, 361: 109-110
(9) Hepp-Reymond in »Comperative Primate Biology (vol 4): Neurosciences« by HS Steklis & J Erwin, 1988: 605


Dr. Corina Gericke
 
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