Forschung im Namen des Schwachsinns -

Müller-Lüdenscheidts Schreie

Als Müller-Lüdenscheidt aus der Narkose erwacht, ist eine Platte mit Stahlschrauben unbeweglich auf seinem Kopf verankert. Über Bohrlöchern in seinem Schädel sind Metallröhren angebracht. So sehr er sich auch müht, das unförmige Ding auf seinem Kopf sitzt fest. Nach einer Woche hat er sich schon etwas an den ständigen Kopfschmerz gewöhnt, aber es soll noch viel schlimmer kommen. Müller-Lüdenscheidt wird an einem Stuhl festgeschnallt, der Kopf an einem Gestell angeschraubt, so dass er ihn überhaupt nicht mehr bewegen kann. Durch die Röhren werden Elektroden in sein Gehirn gesteckt und hin und her geschoben. Gleichzeitig werden über die Elektroden Stromstöße abgegeben. Plötzlich schreit Müller-Lüdenscheidt laut auf. Der Forscher ist zufrieden, er hat eine Stelle im Gehirn gefunden, die Schreie auslöst.

Der lustige Name aus Loriots Cartoon »Herren im Bad«, den die Experimentatoren dem Totenkopfäffchen gegeben haben, nützt ihm nichts. Er geht den Weg aller Versuchstiere: Am Ende der qualvollen Experimente wird er zusammen mit seinen Leidensgenossen Aldi, Arnold, Berry, Flizi und Kolja getötet.

Prof. Uwe Jürgens vom Primatenzentrum Göttingen quält und tötet Affen wie Müller-Lüdenscheidt seit mindestens Anfang der 90er Jahre in mehr oder weniger immer gleichen Versuchen. Wozu muss man wissen, welche Stelle im Gehirn beim Totenkopfäffchen Schreie auslöst? Und warum kann jemand ungestraft 15 Jahre lang dieselben Versuche wiederholen?

Professor Jürgens letzter Erguss ist einer von 50 aktuellen, in Deutschland durchgeführten Tierversuche, um die wir unsere Datenbank heute ergänzt haben. Wir wollen damit wieder einmal untermauern, wie unglaublich grausam und unsinnig Tierversuche sind - hier bei uns im 21. Jahrhundert. Ebenfalls in die Rubrik »besonders haarsträubend« fällt folgender Versuch:

An der Universität Leipzig wird eine anatomische Untersuchung des Harnapparates von Rhesusaffen durchgeführt. Die bahnbrechende Erkenntnis: Rhesusaffen haben keinen Blasenschließmuskel und auch sonst ist der Harnapparat von Rhesusaffen ganz anders, als der des Menschen! Die Autoren sind selbst baff: »Es ist überraschend, dass trotz der Tatsache, dass der Rhesusaffe eines der beliebtesten Tiermodelle in der urologischen Forschung ist, detaillierte anatomische Studien des unteren Harnapparates fehlen.« Diese Erkenntnis stammt nicht etwa aus dem frühen 19. Jahrhundert, sondern aus dem Jahr 2004!

Das Prädikat »besonders perfide« erhält ein Versuch der Firma Boehringer Ingelheim in Biberach. Ratten wird ein potentielles Schmerzmittel (gibt es nicht schon genug davon?) verabreicht. Dann wird bei ihnen auf acht verschiedene Arten Schmerz erzeugt: Die Tiere werden auf eine heiße Platte gesetzt, der Ischiasnerv wird abgebunden, die Fußsohle wird mit einer Pinzette gezwickt, eine reizende Substanz wird in eine Pfote gespritzt usw.

Und schließlich ein Beispiel aus der Rubrik »Beschäftigungstherapie für Tierexperimentatoren«: An der Universität Erlangen werden neun Minischweinen jeweils acht Zähne gezogen. Die Lücken werden mit Implantaten und Kronen versehen. Seit den 70er und 80er Jahren werden beim Menschen Zahnimplantate eingesetzt. Üblicherweise lässt man diese 5-6 Monate einheilen, bevor die Zahnprothesen aufgesetzt werden. Diese »lange Heilungsperiode wurde aber bislang nicht experimentell gesichert«. Eine kürzere Heilungsphase wurde bereits an Affen getestet. Diese Tiere haben jedoch »eine 3,3 mal höhere Knochenstoffwechselrate als Menschen«, weswegen »Vorsicht geboten ist bei der Übertragung der Ergebnisse auf die Situation beim Menschen«. Ja warum wurden diese Versuche dann überhaupt genehmigt und durchgeführt? In Erlangen versucht man es zur Abwechslung mal mit Schweinen.


Datenbank-IDs der erwähnten Tierversuche: 3441, 3438, 3431, 3424

Corina Gericke





 
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