Ratten haben keine Gallenblase

... und andere Unterschiede zwischen Ratte und Mensch

Ratten haben ein Fell, einen langen Schwanz und laufen auf vier Beinen. Schon rein äußerlich unterscheiden sich Ratten und Mensch deutlich von einander. Trotzdem müssen Ratten in den Laboratorien der Welt als 'Stellvertreter' für den Menschen herhalten. Doch es gibt noch viel mehr Unterschiede.
Rättinnen haben zwei Gebärmutterhörner; sie gebären nach einer dreiwöchigen Tragzeit 6-16 nackte, blinde und taube Junge. Ratten werden nur zweieinhalb bis drei Jahre alt. Sie haben lange Schneidezähne, die ihr Leben lang wachsen. Sie kennen keinen Zahnstein und keine Zahnfleischprobleme. Sie haben einen Puls von 300-500 Schlägen pro Minute und eine Atmung von 70-110 Zügen pro Minute - beide liegen beim Menschen erheblich niedriger.
Ratten können nur durch die Nase atmen und sich nicht erbrechen, was dazu führt, dass durch den Mund aufgenommene Giftstoffe im Körper verbleiben, während der Mensch sich ihrer mitunter durch Erbrechen entledigen kann.
Ratten haben eine viel dünnere Haut als Menschen, ihnen fehlt die obere Hornhautschicht. Das Gehirn der Ratte weist kaum Windungen auf, während das des Menschen sehr stark gewunden ist. Ratten können in ihrer Leber Vitamin C aus Glukose herstellen. Der Mensch hingegen ist lebenslang auf eine Vitamin-C-Zufuhr von außen angewiesen, weil er es nicht selbst synthetisieren kann.

Ratten als Modell - absurd
Die Ratte als »Modell« für den Menschen? Wie kann man nur auf eine solche absurde Idee kommen? Nun, Ratten sind billig, leicht zu halten und zu züchten, haben eine handliche Größe und sind recht anspruchslos. Alles Gründe, die dazu führen, dass die Ratte nach der Maus das 'beliebteste' Versuchstier ist. Wissenschaftliche Gründe dürften wohl eher nicht ausschlaggebend sein - zu groß sind die Unterschiede zwischen Ratte und Mensch hinsichtlich Körperbau und -funktion sowie Stoffwechsel.

Cholesterin - kein Problem für die Ratte
Ratten haben keine Gallenblase und produzieren zudem eine andere Sorte Gallenflüssigkeit als der Mensch. Diese wird für eine schnelle Ausscheidung von Cholesterin bei den Tieren verantwortlich gemacht. Beim Menschen führt eine cholesterinreiche Ernährung häufig zu Arterienverkalkungen. Die Ratte jedoch baut diesen Stoff so schnell ab, dass ihre Blutgefäße nicht beeinträchtigt werden. Will man bei Ratten Arterienverkalkungen auslösen, verabreicht man ihnen eine Kombination aus Thiouracil (ein Schilddrüsen-medikament), Casein (Bestandteil der Milch) und Gallensäure. (1)

Ratten reagieren anders
Ratten bekommen ausgesprochen selten Dickdarmkrebs, beim Menschen ist dieser nach Lungenkrebs die häufigste Form von Tumoren. Dafür sind die Nager sehr empfänglich für Nieren- und Blasenkrebs. Sie produzieren nämlich im Gegensatz zum Menschen große Mengen von zwei Proteinen, Alpha-2U-Globulin und Albumin. Umweltchemikalien und andere Giftstoffe binden sich an diese Eiweiße und lagern sich in Niere und Blase ab, wo sie krebsartigen Zellveränderungen auslösen. (2, 3)

Wie an diesem Beispiel deutlich wird, führen die unterschiedlichen Stoffwechselvorgänge dazu, dass die Nagetiere und Menschen auf Schadstoffe oft vollkommen anders reagieren. Mitunter sind Ratten sehr viel empfindlicher gegenüber krebsauslösenden Substanzen, manchmal ist es aber auch umgekehrt: In einer Studie riefen 19 von 20 Testsubstanzen, die beim Menschen als sicher galten, bei Nagern Krebs hervor. (4) Aber von 19 bekannten krebserregenden Stoffen des Menschen, erwiesen sich nur 7 als krebserregend bei Nagern. (5)

Gefährlichkeit von Asbest nicht erkannt
Irreführende Tierversuchsergebnisse haben immer wieder dazu geführt, dass die Gefährlichkeit von Stoffen nicht oder zu spät erkannt wurde.
Ein Beispiel:
Jahrzehntelang wurden krebserregende Eigenschaften von Asbest verleugnet, weil Ratten den Stoff wesentlich besser tolerieren als der Mensch. In einer Studie wurde festgestellt, dass Menschen gegenüber Asbest 300-mal empfindlicher sind als Ratten. (6)
Umgekehrt wurde Coumarin, ein Stoff, der als Rattengift, aber auch in Haushaltsprodukten verwendet wird, aufgrund von Versuchen an Ratten als krebserregend eingestuft. Später zeigte sich jedoch, dass diese Klassifizierung falsch war, da die Substanz für den Menschen offensichtlich kein Krebsrisiko birgt. (6)

Wie ein Würfelspiel
Aus Versuchen an Ratten auf den Menschen zu schließen, gleicht eher einem Würfelspiel, als seriöser Wissenschaft. In unserer Datenbank befinden sich Beschreibungen von 1.298 vorwiegend in Deutschland durchgeführten Versuchen an Ratten. Einer so grausam wie der andere, einer so unsinnig wie der andere.


Literatur
(1) Swenberg JA, et al (1989), Tox and Appl Pharm, 97: 35-46
(2) Cohen SM, Ellwein LB (1990), Science, 249: 1007-1011
(3) Stehbens, WE. (1986), Prog Cardiovasc Dis, 29(2): 107-128
(4) Ennever, FK et al (1987), Mutagenesis 2:73-78
(5) Salsburg, D. (1983), Fundamental & Applied Toxicology 3:63-67
(6) Langley G (2004): A regulatory Smokescreen, BUAV/ECEAE

Dr. med. vet. Corina Gericke
 
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