Im Covance-Sumpf

Ratten schwanken unkoordiniert in ihren Käfigen umher, ihre Augenlinsen trüben sich, es stellen sich Lähmungen der Beine ein, sie bekommen Krämpfe. Nach 24 Stunden sind von 30 Ratten alle bis auf zwei qualvoll an einer giftigen Substanz gestorben. Dieser besonders grausame Versuch ist in unserer Datenbank unter der ID-Nr. 1011 dokumentiert. Dabei handelt es sich um eine veterinärmedizinische Doktorarbeit, die von einem Prof. Klaus-Dieter Richter von der Zentralen Tierexperimentellen Einrichtung der Universität Münster betreut wurde. Warum erwähne ich gerade diesen Versuch? Nun, Experimentator Richter wurde von der umstrittenen Firma Covance als »externer Sachverständiger« beauftragt, »die gegen das Unternehmen erhobenen Vorwürfe wegen möglicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz« zu untersuchen, heißt es in einem Bericht der Münsterschen Zeitung vom 31.12.2003.

Das Auftragslabor der Firma Covance im westfälischen Münster, in dem jedes Jahr rund 1.000 Affen leiden und sterben, war nach einem Beitrag im ZDF-Magazin 'Frontal 21' am 9.12.03 in die Schlagzeilen geraten. Einem Journalisten der britischen Tierversuchsgegner-Organisation BUAV war es gelungen, über Monate heimlich Filmaufnahmen zu machen. Die im ZDF ausgestrahlten Bilder zeigten schwer verhaltensgestörte Affen in Einzelhaft, grausame Giftigkeitsversuche, bei denen den Tieren Schläuche in den Magen getrieben oder bei denen an 'Affenstühlen' gefesselten Tieren Substanzen injiziert werden. Und, als wäre dies nicht schon alles schlimm genug, zeigten die Bilder die brutale Behandlung durch das Personal, »Tierpfleger« die die Affen schütteln, anschreien und die verängstigten Tiere auch noch verspotten.

Wen wundert es, dass »Experte« Richter nach »eingehender Analyse« zu dem Ergebnis kam, »dass das Bildmaterial des ZDF keine Hinweise auf Verstöße gegen das Tierschutzgesetz enthalte.« In der Datenbank sind weitere drei Versuche, an denen er beteiligt war, dokumentiert, einige weitere werden folgen, darunter einer, bei dem Ratten mit verschiedenen Speiseölen gefüttert werden, um die Auswirkungen auf das Gewicht von Leber und Herz zu untersuchen. Eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus, so dass von einer objektiven Beurteilung der Haltung und Behandlung der Primaten bei Covance wirklich nicht die Rede sein kann.

In dem erwähnten Zeitungsbericht wurde Richter als »Vorsitzender der Tierschutzkommission der Bezirksregierung« bezeichnet. Dieser Ausdruck suggeriert, dass es sich bei der genannten Person um einen Tierschutzexperten einer Behörde handele. Tatsächlich besteht die die Genehmigungsbehörde beratene Kommission nach § 15 Tierschutzgesetz nur zu einem Drittel aus Tierschutzvertretern und zu Zweidritteln aus Wissenschaftlern, die meist selbst tierexperimentell tätig sind. Der Ausdruck »Tierschutzkommission« ist also ohnehin irreführend. Innerhalb der Kommission wird in der Regel ein Vorsitzender gewählt oder bestimmt. Als Kriterium dafür ist vor allem zu nennen, wie viel Zeit ein Kommissionsmitglied bereit ist aufzuwenden, denn der Vorsitz ist oft mit einem größeren Zeitwand verbunden. Vorsitzender einer Kommission nach § 15 zu sein, hat also nichts mit einer besonderen Qualifikation zu tun.

Außerdem hatte Covance noch Dr. Horst Lehmann, einen »seit Jahrzehnten in der Pharmaforschung erfahrenen Toxikologen« als Sachverständigen beauftragt. Das Metier eines Toxikologen ist die systematische Vergiftung von Tieren. Auch eine solche Person wird wohl kaum zu einer objektiven Beurteilung der Zustände bei Covance in der Lage sein. Die Aussagen der beiden »Gutachter« führten letztendlich dazu, dass einer einstweiligen Verfügung gegen eine Auflage des Umweltministeriums Nordrhein-Westfalens bzw. der Stadt Münster, Überwachungskameras in den Tierställen zu installieren, stattgegeben wurde. Mit anderen Worten, die geforderten Kameras müssen erst einmal nicht eingebaut werden. Immerhin hat die Stadt Münster jetzt Beschwerde eingelegt, d.h. die Angelegenheit geht noch einmal vor Gericht.

Sich durch selbst ernannte »Experten« Tierschutzgerechtigkeit bescheinigen zu lassen, ist nur eine Facette des Covance-Sumpfes. Trotz eindeutiger, filmisch festgehaltener Beweise von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, hat das Unternehmen bislang keinerlei Sanktionen hinnehmen müssen. Auf der anderen Seite versucht die Firma Tierrechtler, die die Missstände veröffentlicht und verbreitet haben, durch Beschneidung der Meinungsfreiheit mundtot zu machen. Willkommen im Rechtsstaat Deutschland.


Informationen zu den Vorgängen bei Covance und wie Sie helfen können:
www.tierrechte.de
www.aerzte-gegen-tierversuche.de
www.buav.org/covance/
 
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