Aus der Neuen Welt: Abschaffung von unten, Vermehrung von oben Verfolgt man die Entwicklung der Tierversuchspraxis in USA, zeigt sich ein widersprüchliches Bild. In der Forschung, besonders in der Genforschung, ist die Zunahme des Tierverbrauchs unübersehbar, auch wenn genaue Zählungen nicht vorliegen. Vorstöße zur Ersetzung oder auch nur Einschränkung von Tierversuchen, wie sie in Europa ständig im Gespräch sind und zuweilen auch erfolgreich umgesetzt werden, finden in Amerika kaum statt. So gibt es in Europa (in einigen Ländern schon sehr lange) keine Versuche mehr mit Menschenaffen (Ausnahme die letzten zehn in Holland, s. den Beitrag »Wir haben es geschafft!« vom 21.Juni 2002), ist in Amerika noch gar nicht daran zu denken. (Von den europäischen Fluglinien ist es einzig die Air France, die Schimpansen und andere Primaten zu Versuchszwecken in die USA fliegt, während alle anderen überhaupt keine Affen mehr in den Tod befördern.) Nach wiederholten Anläufen hat die Europäische Union nun auch ein Verbot der lange bekämpften Tierversuche für Kosmetik beschlossen, wenn auch erst mit Geltung ab 2009. In den traditionellen Bereichen waren die Versuchszahlen in den europäischen Ländern, besonders in Deutschland, bis zu dem explosionsartigen Anstieg der Biotechnologien stark rückläufig, an Alternativmethoden wird ständig gearbeitet. Die ablehnende Haltung der Bevölkerung spiegelt sich auch in den Äußerungen der poltisch Verantwortlichen, die - besonders vor Wahlen - stets eine Reduzierung von Tierversuchen versprechen, um Sympathien zu gewinnen (wenn sie ihre Versprechen auch meist nicht halten). In den USA hat man nicht den Eindruck, dass damit Wählerstimmen gewonnen werden können.
In diesem Klima der in Amerika noch weit ungebrochener als hierzulande herrschenden Wissenschafts- und Machbarkeitsgläubigkeit ist es umso bemerkenswerter, dass im Bereich der Lehre sukzessive die Verwendung von Tieren zu Unterrichtszwecken abgebaut wird. Fast 70 Prozent der 125 medizinischen Hochschulen haben Versuche an lebenden Tieren abgeschafft und für Ersatz durch Computersimulatoren und Videos gesorgt. Der Trend setzt sich fort. Zuletzt haben die Universität von Illinois und die Hochschule für Veterinärmedizin in Philadelphia den alten Brauch aufgegeben.Tatkräftige Animal-Rights-Gruppen und einzelne konsequente Studierende sowie Gruppen wie SILA (Students Improving the Life of Animals) und die Vereinigung der Ärzte gegen Tierversuche (Physicians Comittee of Responsible Medicine, PCRM) waren die treibenden Kräfte dieser Entwicklung. An den restlichen Universitäten besteht wenigstens meist die Wahlmöglichkeit, besonders bei den Hundeversuchen, wobei die Studierenden freilich oft von ihren Lehrkräften oder auch rohen Kommilitonen unter Druck gesetzt und als Weicheier lächerlich gemacht werden. Ein Prof. Hansen von der Universität San Diego, Kalifornien nimmt's leicht: »Umso besser, wenn die wegbleiben, weil wir dann nicht immer einen Haufen weinender Mädchen herumstehen haben.« Dieser selbe Hansen hat zusammen mit einem Kollegen eine umfassende Untersuchung zu der signifikanten Abnahme der Versuche an den medizinischen Hochschulen der USA durchgeführt und muß (wohl zähneknirschend) zugeben, dass sich die Abschlußnoten und der Wissensstand bei Teilnehmern und Verweigerern in nichts unterscheiden.
In Kanada hat die drittletzte Medizinische Fakultät, die der Universität von British Columbia, mit der Abschaffung der Tierversuche begonnen. Genau gesagt, werden im Herbst 2003 alle Versuche bis auf die an der chirurgischen Abteilung durch alternative Lehrmethoden ersetzt, aber auch für die Chirurgen werden andere Techniken erprobt. Es ist wahrscheinlich, dass auch die verbleibenden zwei Hochschulen nachziehen werden. Anders als in den Vereinigten Staaten waren in Kanada die Tierversuche bis 1999 ähnlich rückläufig wie in Europa. Eine positive Tendenz läßt sich auch aus lokalen Vorgängen ablesen wie etwa dem kürzlich erfolgten Verbot der Stadt Winnipeg, Streunerhunde für Versuche abzugeben. Eine besonders rühmenswerte Entscheidung hat der kanadische Oberste Gerichtshof am 5. Dezember 2002 getroffen: Er hat die Gewährung von Patenten auf lebende Tiere endgültig abgelehnt. Der Antrag der Harvard Universität und des kooperierenden Großunternehmens DuPont auf Patentierung der »Krebsmaus« , der in USA und leider auch beim Europäischen Patentamt Erfolg hatte (siehe Beitrag »Am Tiefpunkt« vom 25. Dezember 2001), wurde zurückgewiesen, mit einer ethischen Begründung, die auch für alle anderen Tiere Gültigkeit hat. |