Bestürzende Neubauten

Und zwar ziemlich große. Einer ist 140 Meter lang und kostet - zunächst mal - 20 Millionen. Bauten, die unseren Befund von der Zunahme der Tierversuche sichtbar bezeugen. Wenn wir konstatiert haben, dass das Gros auf die Genforschung entfällt, so wollen wir nicht übersehen, dass im Schatten der Hilflosigkeit gegen das Ausufern auf diesem Gelände sich auch einige Sparten der »traditionellen« Tierversuchspraktiken auf längere Bestandszeiten einrichten.

Von dem fast 50 Millionen teuren Neubau der Tierversuchsanlage in Nürnberg - Erlangen haben wir bereits berichte (vgl. »Streiflichter« vom 5. Januar 2002). Nun erfüllen wir die traurige Pflicht, zwei weitere zur Kenntnis zu bringen.


I. Ballade von der Käuflichkeit

In Barsbüttel - Willinghusen, Niedersachsen, einem Wohngebiet, in das viele Einwohner mit dem Versprechen einer angenehmen familienfreundlichen Umgebung gelockt worden sind, will die Hamburger Firma Altana eine kleine Außenstation zu einer großen Tierversuchsanlage für ihre toxikolgischen (!) Experimente ausbauen, einhundertvierzig Meter lang soll das Lager für unzählige Tiere werden. Zwanzig Millionen Euro wollen die Chefs in Hamburg für das bequeme Vergiften der zukünftigen Insassen iinvestieren. Kaum dass dies bekannt wurde, liefen die Bürger von Barsbüttel Sturm. Proteste, Bürgerinitiativen,Versammlungen, Einsprüche, Eingaben an den Gemeinderat, Briefe, Beschimpfungen; 1376 Unterschriften trug eine Liste der Einwohner, die gegen das Vorhaben protestierten. Es half alles nichts - der Gemeinderat stimmte mit 14 gegen 7 Stimmen für das Altana-Projekt. Das ist das ja Schöne an der repräsentativen Demokratie - einmal gewählt, brauchen sich die Volksvertreter nicht mehr an die Mehrheitsmeinung der Vertretenen zu halten.

Für den Gemeinderat gab das zu erwartende Geld den Ausschlag, was sonst. Altana lockt mit 150 Arbeitsplätzen, und schon rechnen sich die Volksvertreter 1,5 Millonen Euro für die Gemeindekasse aus. (Wir erlauben uns jetzt schon auszurechnen, dass die Rechnung nicht stimmen wird und die Brötchen kleiner gebacken werden, wenn es so weit ist.)

Leon Bernstein muß an ein brillantes Stück von Friedrich Dürrenmatt denken, das von der Käuflichkeit biederer Bürger handelt. Im »Besuch der alten Dame« wird ein ganzes Dorf (mit dem Namen Güllen) von einer rachsüchtigen amerikanischen Milliardärin zu einem Mord angestiftet. Erst wehren alle das Ansinnen entrüstet ab, doch nach und nach beginnen alle von dem schönen Geld zu träumen, das ihnen für das Verbrechen versprochen wird. Jedem fällt eine gewissensberuhigende Selbstrechtfertigung ein, am Ende wird der Mord auftragsgemäß ausgeführt - und keiner ist es gewesen. Das Kollektiv hat zugeschlagen und der eigene Anteil an der Kollektivschuld verdunstet in der Sommerluft. In zwei Punkten unterscheidet sich der Fall Barsbüttel noch unvorteilhaft von Dürrenmatts Parabel: Dort ist der Ermordete jemand, der tatsächlich eine Schuld (an der einstmals armen Auftraggeberin) trug - hier im niedersächsischen »Güllen« geht es um unschuldig Verurteilte. Und mit dem einen Mord an dem Schuldigen ist das Stück zuende - die braven Bürgervertreter von Willinghusen aber lasten dem Kollektiv eine fortgesetzte Tat auf, eine sich ständig wiederholende Kette von Qual und Tod, die es täglich zu verantworten und zu ertragen hat.

Auch wenn wir vermuten dürfen, dass die protestierende Mehrheit des Dorfs mehr durch den Wunsch nach ungestörter Wohnqualität motiviert ist als durch das Tierleid, das vor ihre Schwelle gelangt, so argumentieren sie doch auch ehrlich mit der Schrecklichkeit des Geplanten und dem Seelenheil ihrer Kinder. Und es bleibt ja ohnehin die Frage, warum eine Tierversuchsanstalt in der unmittelbaren Nachbarschaft überhaupt als Störung der bürgerliche Ruhe und der Familienfreundlichkeit empfunden wird, da Altana sicher für geräusch-und geruchsfreien Ablauf sorgen wird. Ob das unterbewußte Grauen hier vielleicht die allgemeine Verdrängung durchstößt, wenn es so nah auf die Pelle rückt?

Die Geschichte von Brasbüttel hat noch eine - geradezu literarische, kabarettistische - Pointe, die Dürrenmatt nicht besser hätte erfinden können: Um es allen recht zu machen, beschloß der Gemeinderat gleichzeitig mit der Zustimmung zum Bau der Anlage - eine Resolution gegen Tierversuche.


II. Seelische Gesundheit

Die Stadt Mannheim, die sich kürzlich durch eine massenhafte brutale Tötung von Stadttauben ausgezeichnet hat, beherbergt eine Institution, deren groteskes Arbeitskonzept auch nur durch einen Dürrenmatt in die angemessene Dimension gerückt werden könnte.

Die Mannheimer Einrichtung heißt, man glaubt es kaum, »Zentralinstitut für Seelische Gesundheit«. Dort werden psychische Erkrankungen in Tierversuchen »erforscht«. Womit de facto zugegeben wird, dass Tiere eine »Psyche« haben und dass diese erkranken kann. Freilich stehen nicht genügend (möglichst genormte) kranke Tierpatienten zur Verfügung, und so macht man sie, wie auch sonst im Tierversuch, künstlich krank. Bei Ratten werden durch Frustration ihrer natürlichen Bedürfnisse Depressionen erzeugt (vgl.etwa unseren Beitrag »Das Ebenbild des Menschen« vom 9. August 2002 ), Magersucht wird durch Hungerexperimente »hergestellt«, unzählige Substanzen werden versuchsweise verabreicht, Elektroschocks, Verbrennungen, (Gehirn-) Amputationen, Stresserzeugung und wer weiß, was noch alles, dienen als legitime Mittel, um seelische Zustände zu erzeugen, die als »Modelle« für die menschliche Seele gelten sollen. In Zoos und Hühnerställen, in Zirkussen und Laboratorien und überall, wo Tiere in Gefangenschaft gehalten werden, gibt es unzählige seelische Erkrankungen bei Tieren, (in der Freiheit kaum). Aber nicht ihnen soll geholfen werden. Ihre Traumata werden von ihren Zwingherren meist auch einfach geleugnet - man soll Tiere ja nicht »vermenschlichen«. Vielmehr nur dann, wenn man ihnen menschliche Regungen der Angst, des Schmerzes, der Verzweiflung abpressen will.

Das Mannheimer Institut für »seelische Gesundheit« ist auf Expansionskurs und plant einen Erweiterungsbau. Mehr gefolterteTiere, mehr Einsicht in die Zusammenhänge - ein Prinzip, das alle folterndenDiktatoren benutzen, um von Unschuldigen Erkenntnisse zu erzwingen, falsche, irrige und unergiebige eingeschlossen.

Uns bleiben zwei Fragen: Sind Menschen, die Grausamkeiten verüben, seelisch gesund?
Und wie verantworten sie die seelischen Erkrankungen, die sie selbst durch eben ihre Art der Forschung bei dem Kollektiv und den eigentlich gesunden Teilen der Bevölkerung erzeugen? Bei all denen, die unter schweren Depressionen und den verschiedensten Spielarten seelischer Traumatisierung leiden, weil sie es nicht ertragen, Teil einer Gesellschaft zu sein, die Grausamkeit zur Basis ihres Fortschritts gemacht hat. Eine solche Gesellschaft ist seelisch krank. Ein »Institut für seelische Gesundheit«, das mit wahrhaft wahnsinnigen Methoden arbeitet, ist schließlich nur selbst ein Symptom der Krankheit.

Leon Bernstein

 
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