Unaufhaltsam? Der rasante Anstieg von Tierversuchen

Ein Rückblick auf das Jahr 2002 schließt nahtlos an den »traurigen Rückblick« auf 2001 an und ist auch schon ein Ausblick auf 2003. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Tierversuche in erheblichem Maß zugenommen haben, und der Trend setzt sich fort. Zu den genauen Zahlen und Prozentsätzen in Deutschland verweisen wir auf die Zusammenstellung durch Dr. Corina Gericke von den »Menschen für Tierrechte« unter »www.tierrechte.de« vom 22.11.2002 »Versuchstierzahlen auf Rekordhöhe«.
»Deutlich ist, dass fast die Hälfte der Versuche auf die Genforschung entfällt, gegen die zur Zeit kein Kraut gewachsen zu sein scheint. Der höchste Anstieg ist in der Grundlagenforschung an den Universitäten zu verzeichnen - 36 Prozent in einem Jahr! Kein Trost in Sicht. Zu aufregend und finanziell zu interessant ist das neue Riesenspielfeld für die Wissenschaftler in aller Welt, zu verlockend die Aussicht auf geldträchtige Neuheiten für die Gesundheitsindustrie, für Investoren und Spekulanten, zu heilsgläubig das staunende Publikum.

Einige Zahlen aus den USA werfen ein Schlaglicht auf die (zunehmende) Verflechtung von Industrie und Forschung. Das »British Medical Journal« zitiert eine amerikanische Studie, wonach (schon) im Jahr 2000 rund 62 Prozent der biomedizinischen Forschungen von der Industrie getragen werden, doppelt so viel wie 1980. Etwa ein Drittel der akademischen Forscher werden persönlich über gut bezahlte Vorträge, Gutachten, Beraterverträge und Aktien (!) der Sponsorfirmen bei der Stange gehalten, 68 Prozent der akademischen Institutionen halten Aktien der einschlägigen Industrieunternehmen. Und: Weniger als die Hälfte der unabhängigen wissenschaftlichen Zeitschriften betreiben irgendeine Politik, die Interessenkonflikte ihrer Mitarbeiter ausschließt oder auch nur kontrolliert. Kann es da wunder nehmen, dass die Erfolgsaussichten der biomedizinischen Forschungen stets mit hoffnungsgrüner Farbe gemalt werden? Obwohl die therapeutischen Erfolge mager und zweifelhaft sind, Rückschläge sich häufen und die Zahl der mißgebildeten, schwer leidenden, getöteten und an den Eingriffen gestorbenen Tiere in die Milliarden geht.

Das zweifellos gegenüber früheren Zeiten angestiegene Bewußtsein für die Leiden derTiere und für ihre moralische Berücksichtigung weicht schon auf den Gebieten des Essens, der Eitelkeit, der Bequemlichkeit meist sofort ins zweite Glied. Gegenüber dem menschlichen Interesse an Gesundheit und der ewigen Hoffnung auf Beseitigung aller Krankheiten und Gebrechen verschwindet es vollends wieder in der Verdrängung. Hinzu kommt, dass das Gebiet der modernen Biowissenschaften dem Laien so unzugänglich ist, dass außerhalb der Expertenriegen kaum jemand etwas davon versteht. Wer kann noch »seriöse« Ansätze von interessengesteuerten Behauptungen, von Spielen der Neugier, von Scharlatanerie unterscheiden? Auch in den Genehmigungsbehörden gibt es kaum eine Handhabe, Forschungsvorhaben zu bremsen.

Kann das Feld wenigstens begrenzt werden? Franz Gruber, Fachtierarzt für Versuchstierkunde und Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift »Altex« (Alternativen zu Tierexperimenten) der dahinterstehenden »Mitteleuropäischen Gesellschaft für Alternativmethoden zu Tierversuchen«, spricht sich vehement gegen die gegenwärtige Schwemme der Mäusemodelle aus, die »auf Vorrat« produziert und »verbraucht » werden (vgl. auch unseren Beitrag »Mäuse en masse« vom 12.Dez.2002 ). »Die vom »Human Genome Project« geschätzte Zahl an Genen zu untersuchen würde schon Hunderttausende Untersuchungen erfordern«. Die Fachzeitschrift »Nature« nennt das einen »logistischen Alptraum«. Gruber geht aber noch weiter: Er hält das Maus-Modell überhaupt für untauglich. »Entweder sind die Mäuse bei Beginn des Experiments zu jung oder zu alt, haben das falsche Geschlecht, oder die gewünschten Gene werden nicht aktiviert. Zum Teil werden nicht einmal 10 Prozent der Tiere verwendet, der Rest landet in der sogenannten Kadavertruhe. So darf es nicht weitergehen.« Und weiter: »Selbst wenn die genetische Ursache einer Erkrankung bei Maus und Mensch gleich sein sollte, gehören noch viele andere Faktoren zu einem Krankheitsausbruch«. Er plädiert für eine »Entkrampfung unseres Verhältnisses zu menschlichen Zellkulturen«, vor allem zu embryonalen Stammzellen. Anders als über den Massenverschleiß an Mäusen, Ratten und anderen Tieren wurde und wird über die Stammzellen bekanntlich eine sehr breite und kontroverse und durchaus ernsthafte Diskussion geführt, und zwar öffentlich. Zur Zeit steht die Praxis in Deutschland auf einem halben Weg - die Einfuhr solcher Stammzellen wurde (begrenzt) erlaubt, ihre Produktion nicht. Es steht zu vermuten, dass die »ethischen Bedenken« der Gegner (kein Eingriff in menschliches Erbgut!) mit der Zeit überrollt werden. Da sich die menschlichen Zellen jeder Voraussicht nach als die besseren Modelle erweisen, könnte dies die Schlüsseltechnologie werden, die den Mäusewahn implodieren läßt. Ob sie ihrerseits die Heilserwartungen erfüllen kann, mag hier dahinstehen. Ein anderer Weg, den overkill zu stoppen, ist jedenfalls nicht in Sicht. Auf ethische Bedenken, Tiere zu massakrieren und in ihr Erbgut einzugreifen, warten wir nach wie vor vergebens.


 
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