Von der Abschaffung des Schmerzes Eine Meldung aus Kanada ist bisher kaum beachtet worden Die Süddeutsche Zeitung brachte sie erst ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung in dem Fachblatt »Cell« vom 10.1.2001. Auch wir haben abgewartet, bis sie größere Wellen schlägt. Aber das geschah nicht, und nun ist schon wieder ein Jahr vergangen. Dabei wäre es die größte Sensation seit der Entdeckung der Antibiotika, was die kanadischen Wissenschaftler da verkünden. Zuende gedacht, die größte seit Menschengedenken. Der Direktor des Zentrums für Schmerzforschung an der Universität Toronto, Michael Salter, und sein Team wollen ein Gen entdeckt haben, dessen Entfernung das Schmerzempfinden ausschaltet. Sie nennen es DREAM, das ist die Abkürzung eines langen Fachausdrucks - aber auch ein schönes Wort. Welch ein Traum! Man knockt das Schmerzgen aus und schon sind alle Schmerzen verschwunden. Tatsächlich alle Arten von Schmerz, sagt Salter, manche nicht ganz aber fast ganz. Das Dream-Team hat es (natürlich) an Mäusen ausprobiert. Und als deren DREAM entdeckt und ausgeschaltet war, empfanden sie keinen Schmerz mehr, während alle anderen Körperfunktionen völlig normal blieben. Die Kanadier erklären uns auch das Prinzip: Bei Entfernung des DREAM wird die körpereigene Substanz Dynorphin, ein Peptid, das zu den Endorphinen gehört, in erhöhtem Maß in jener Region des Rückgrats produziert und ausgeschüttet, die für die Übertragung und Kontrolle von Schmerzmeldungen zuständig ist, und legt die Meldung lahm. Es wird also das Signal »Schmerz« an der Schaltstelle abgestellt. »Die Tiere ließen keine Einbußen an ihrer Bewegungs - und Lernfähigkeit sowie ihrem Erinnerungsvermögen erkennen.« Und so träumen die Forscher weiter: Das DREAM-Gen müßte sich durch Medikamente ausschalten lassen, ohne dass der (menschliche) Patient bei der Ausführung seiner alltäglichen Aufgaben beeinträchtigt wird. Da können nicht nur Arbeitgeber ins Träumen kommen. Ein Leben ohne Schmerz wird denkbar. Verlängern wir die Linie der stürmischen Fortentwicklung der Gentechnik und des gleichzeitigen Abbaus aller herkömmlichen Konzepte des »Menschenbilds«, können wir uns den kleinen Eingriff schon mal als billiges Massenangebot vorstellen, auf Krankenkasse. Oder auch als prophylaktische Maßnahme. Hat man sich vorsichtshalber das DREAM abschalten lassen, kann einen kein Schmerzgefühl mehr erreichen. Einen Beinbruch etwa und seine Reparatur würde man nicht stärker »erleben« als ein Stuhl, dem ein Bein bricht. Interessant wäre zu wissen, ob auch psychische Schmerzen umfaßt sind. Interessant auch, ob das Mitgefühl mit den Schmerzen anderer verschwindet. Wie, wenn die Fähigkeit Schmerz zu empfinden überhaupt die Quelle des Mitgefühls, des Mit-Leids ist? Wenn es sich um die Schmerzen der nichtmenschlichen anderen handelt, so haben es diejenigen, die sie ihnen bewusst zufügen, auch mit intaktem DREAM schon längst geschafft, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Oder haben sie von Haus aus einen erhöhten Dynorphinausstoß? Liegt hier die Antwort auf die viel gestellte Frage: Wie können die das nur ertragen? Immerhin können die Äußerungen von Schmerz recht lästig sein, Bellen und Wimmern etwa, weshalb die archaische Vivisektion gern mit dem Durchschneiden der Stimmbänder operiert(e). Oder mal mit Narkose während der Zeit, die man daneben stehen muß. Diejenigen hingegen, die die Leiden der Tiere unter dem Vorzeichen »...denn es fühlt wie du den Schmerz« mitempfinden und laut schreien, gegen Tierversuche, die könnten auf elegante Art ruhig gestellt werden. Das Tiermodell, das erst gar keinen Schmerz empfindet, erscheint als Ei des Kolumbus. Und so würde die Kopfgeburt des Descartes, die empfindungslose Tiermaschine, tatsächlich Realität. Die Frage bleibt, warum Mr. Salters fabulöse Entdeckung nicht Furore macht. Das Ei des Kolumbus - ein Windei? |