Mäuse en masse

Schon vor einigen Jahren setzten Genforscher die Welt mit der Erkenntnis in Erstaunen, dass sich das menschliche Genom von dem des Schimpansen nur um etwa 1,5 % unterscheidet.

Die anderen Tierarten aber dachte man sich denn doch um vieles weiter entfernt. Nun aber bringt die umfassende Untersuchung des Genoms von Mäusen eine weitere Überraschung: Auch Maus und Mensch sind genetisch »fast identisch«, wie es heißt, nur 2,5 % Unterschied errechneten die hundert Forscher von »Celera Genomics« (USA) unter Mitarbeit ihres früheren Chefs Craig Venter, dem die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gelungen war. Auf dem untersuchten Chromosom sind nur 14 Gene gefunden worden, die keine menschliche Entsprechung haben, und umgekehrt sind es nur 21 menschliche Gene, die bei der Maus nicht vorkommen.

Anders als die Erkenntnisse Darwins über die Abstammung des Menschen, seine Herkunft aus dem Tierreich, erregen die neuen Beweise der engen Verwandtschaft keine Entrüstung mehr. Mensch ist - wenigstens insoweit - kleinlauter geworden (mit Ausnahme einiger Sekten und religiöser Gruppen, die an der Einmaligkeit des Menschenwesens und seiner göttlichen Beseelung festhalten.) Es handelt sich nicht mehr um Hypothesen sondern um Nachweise.

Aber ebenso wie Darwins Lehre schon bald nach ihrer Akzeptanz dazu genutzt wurde, die neuen Verwandten als Probierstücke Gottes einzustufen und sie nach allen Regeln der Kunst zu zerschnipseln, um biologische Erkenntnisse über die Gattung homo sapiens zu gewinnen, zieht man auch aus den neuen Daten den Schluss: Umso besser! Umso geeigneter sind die »Vorformen« des Meisterwerks zu seiner Erforschung - und womöglich Verbesserung. Das Geschäft mit Untersuchungen und Veränderungen von Genen , besonders von Mäusegenen, boomt. Und es ist genau dieser Bereich, der die Zahl der Tierexperimente wieder hochschnellen lässt.

Auf einer Insel im Norden der USA hat sich ein Laboratorium etabliert, das offensichtlich auf Zukunft setzt. Hunderttausende von Mäusen, eine dreiviertel Million, sind hier konzentriert, in endlosen Reihen in Plastikbehältern von Schuhschachtelgröße gestapelt., dazu anderthalb Millionen Embryonen, die in Tanks mit flüssigem Stickstoff auf ihre Auferstehung zum Tode warten. Hier, im Jackson Laboratory in Maine, ist man stolz auf diesen Bestand. Es handelt sich zwar nicht um die größte Mäusesammlung auf Erden (diesen Rekord halten noch immer die Charles River Laboratories), aber um die größte Sammlung von Mutanten. 2700 verschiedene Mäuse»modelle« nennt »JAX« sein eigen. Eine Reporterin der »Zeit«, die kürzlich das gespenstische Insellager besuchte, gibt einen Eindruck von dem (wenigen), was sie zu sehen bekam: »Kahle Mäuse, dicke Mäuse, dünne Mäuse, Mäuse, die torklen, Mäuse mit aufgerolltem Schwanz, Mäuse, die nur im Kreis gehen, Mäuse, die unter ihrem glänzenden Fell einen tödlichen Defekt verbergen. Mäuse, die Mutter Natur nie schaffen würde, nur der Mensch, der mit ihnen experimentiert.« Dabei durfte die deutsche Besucherin die eigentlichen mouse rooms, die klimatisierten Todeslager voller Mausmonstren, gar nicht sehen. Es herrscht striktes Verbot für Journalisten, seit ein Reporter der »New York Times« vor zwei Jahren in seinem Bericht von »Mauschwitz« schrieb und Einzelheiten schilderte wie die spastische Maus, die ihren Kopf rhythmisch gegen die Käfigwand schlägt und in dem lustigen Jargon der Forscher / innen deshalb »Punkrocker« genannt wird. Auch gegen die Animal Rights - Radikalen hat JAX sich gut gesichert - die Insellage bietet einen strategischen Vorteil und die Security ist auf alles vorbereitet.

Der Wissenschaftler Michael Balls, der sich im Juli 2002 nach neun Jahren von seinem Amt als Vorsitzender des Europäischen Zentrums für die Validierung von Alternativmethoden zum Tierversuch zurückzog, sagte in seiner Abschiedsrede, dass die aktuelle »Wissenschaftsmode« mit transgenen Mäusen zu experimentieren, völlig außer Kontrolle geraten ist. Alle Bemühungen der moderaten Alternativforscher, die (nur) die »drei R's« vertreten, also auf Verringerung und »Humanisierung« von Tierversuchen abzielen, werden von den Sturzwellen der Genforschung überrollt. Auch das Geld rollt. Auf die Heilsversprechen der Bioingenieure werden ungeheure Summen gesetzt. Wenn Balls anmahnt, nicht blindlings Forschungen zu finanzieren, nur weil sie gerade in Mode sind, während viele der Fragestellungen auch an schmerzunempfindlicher Materie getestet werden könnten, spricht er wohl in die leere Luft. Die Millionen »knock-out-Mäuse«, denen probeweise dieses oder jenes Gen »ausgeschlagen«, k.o. geschlagen, wird, sind längst preisgegeben. Aus dem Feld geschlagen ist auch jede ethische Abwägung, die 97.5 % Verwandtschaft hin oder her.

In den USA freut sich der Chef von JAX, dass ein Versuch von Tierschützern, endlich auch Mäuse und Ratten dem Tierschutzgesetz unterstellen zu lassen, wo sie bisher, übrigens wie auch Vögel und Fische, keinen Platz haben, wieder mal gescheitert ist . Der amerikanische Kongress lehnte den Schutz dieser Tiere ab. In Deutschland fallen sie zwar als Säugetiere unter das Tierschutzgesetzt, aber es nützt ihnen wenig. Vivisektoren wehren sich gegen Vorwürfe regelmäßig mit dem Hinweis, dass sie zu 90% und mehr »nur Nager« verwenden. Sie setzen auf die alten Phobien und anerzogenen Ekelgefühle gegen Ratten und Mäuse. Wenn allerdings auch die Reporterin der »Zeit« in ihrem sonst lesenswerten Bericht über das Gruselkabinett von JAX (»Die Zeit« Nr. 30 / 2002) unterstellt, dass Tierschützer oder gar Tierrechtler sich nur für »knuddelsüsse« Tiere interessieren und die meisten sich vor Mäusen »schütteln«, dann muss gesagt werden, dass solche Behauptungen um mindestens 20 Jahre hinter der Zeit sind. Spätestens seit Beginn der neuen Tierrechtsbewegung ist die törichte Verachtung der »Nager« passé; so machten zum Beispiel die »Tierversuchsgegner München« schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine gekreuzigte Maus zu ihrem Logo.

Und manche, wie der geniale französische Dichter Francois Villon (1431 - bis etwa 1463) wussten es schon viel früher. Villon, der seinen scharfen Spott gegen den korrupten Adel, die Justiz und die Geistlichkeit mit einem Leben als Außenseiter bezahlte und zum Vegabunden und Räuber wurde, landete mehrmals im Gefängnis. Seine bezaubernde Ballade »Von dem Mäuschen, das in Villons Zelle Junge bekam« endet mit dem Vers:

Im milden Licht der Winternacht
hab ich mich zu den Mäusen aufgemacht.
Du aber fragst, warum denn nur? Hör zu, es ist kein Tier so klein,
das nicht von dir ein Bruder könnte sein.



 
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