Das Ende einer unheimlichen Erfolgsstory oder Der Jungbrunnen aus Pferdeurin

Den beiden wichtigsten politischen Nachrichtenmagazinen der USA, »Time« und »Newsweek«, war die Meldung im Juli 2002 eine Titelgeschichte wert, die »International Herald Tribune« titelte »Ein Schock für die medizinische Welt«, eine andere Zeitung sprach von einem beispiellosen Vorgang in der Medizingeschichte, fast alle amerikanischen Medien berichteten darüber in Topstories und mit dicken Schlagzeilen. Vom »Ende einer Ära« ist die Rede. Was war geschehen? Aufgrund einer Studie der nationalen Gesundheitsbehörde hatte die Regierung den sofortigen Abbruch eben dieser Studie angeordnet, drei Jahre vor ihrem geplanten Ende. Was ist so brisant daran, dass es das ganze Land erregen konnte?

Es geht um zwei der in Amerika verbreitetsten Medikamente, »Pempro« und »Premarin«, die jahrzehntelang als Allheilmittel gegen Wechseljahrsbeschwerden galten. Beide werden von demselben Pharmaunternehmen, Wyeth, hergestellt und beruhen auf demselben Prinzip: sie sollen die in der Menopause schwindenden weiblichen Hormone ersetzen. Die Hormonersatztherapie entwickelte sich zu einer Art Madonna von Lourdes für Millionen Amerikanerinnen über fünfzig, zu einem Glaubensartikel auch für ihre Frauenärzte. Es wird geschätzt, dass etwa 40% der älteren weiblichen Bevölkerung eines der beiden Mittel regelmäßig und über Jahre und Jahrzehnte einnehmen. Allein im letzten Jahr wurde 45 Millionen mal Premarin und 22 Millionen mal Pempro verschrieben, auch für junge Frauen, denen die Gebärmutter entfernt werden musste.

Doch auf ihre Neben- und Langzeitwirkungen ist die Hormontherapie erst jetzt zum ersten Mal wirklich untersucht worden. Die Abteilung »Frauenkrankheiten« (WHI) bei den »National Institutes of
Health« (NIH) hatte gegen lang andauernde Widerstände der Lobbies eine groß angelegte Untersuchung durchgesetzt und dafür 750 Millionen Dollar Steuergelder locker gemacht. Nicht weniger als 160 000 Verbraucherinnen wurden in die Studie eingebunden und 16 000 gesunde Frauen zwischen 50 und 79 für einen Doppelblindversuch rekrutiert, von denen die Hälfte die echten Mittel und die andere Hälfte Placebos erhielt, ohne dass die Probandinnen oder ihre Ärzte gesagt bekamen, was sie einnahmen. Das schockierende Ergebnis der letzteren Studie zeichnete sich schon auf halbem Wege ab: Bei längerer Einnahme von »Pempro«, das eine Kombination von Östrogen und Gestagen enthält, zeigte sich ein um das Achtfache erhöhtes Auftreten von Brustkrebs und Schlaganfällen gegenüber der Vergleichsgruppe, Herzerkrankungen nahmen um das Siebenfache zu, auch eine signifikante Steigerung von Blutgerinnseln war nachweisbar.. Die Daten waren so eindeutig, dass die weitere Verabreichung des Mittels an 8000 Teilnehmerinnen nicht mehr zu verantworten war. Sie wurden alle einzeln brieflich vom NIH informiert und aufgefordert, das Medikament besser abzusetzen. Dieser Teil der Studie, die bis 2005 angelegt war, wurde gestoppt.

Noch Anfang des Jahres feierte der Pharmahersteller Wyeth das 60jährige Jubiläum seiner Hormontherapie. Eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Der wahre Siegeszug der Marktrenner »Premarin« und »Prempro«, begann freilich so richtig erst 1966 mit einem Buch des Gynäkologen Robert Wilson, das »Feminine Forever« hieß und die Zuführung künstlicher Hormone als unfehlbare Waffe gegen die Schrecken der Wechseljahre und alle weiblichen Alterungsprozesse populär machte. Die Botschaft war einfach und einleuchtend: Von den Hormonen hängt für Frauen alles ab, Jugend, Gesundheit und Attraktivität und damit das Glück. Wenn die natürliche Hormonproduktion nachlässt, braucht man sie nur künstlich zu ersetzen, durch die Östrogene von weiblichen Tieren. Pferde erwiesen sich als besonders geeignet. (Der Markenname »Premarin« leitet sich von »mare«, Stute, ab.) Bei Erscheinungen wie Hitzewallungen, Schweißausbrüchen und Schlaflosigkeit scheinen die Pillen der Fa. Wyeth, die sich als uneinholbarer Marktführer etablierte, auch tatsächlich einige Wirkung zu haben, wobei ein Teil dieser Wirkung sicher auch psychologischer Natur ist. Ob die Hormonersatztherapie, wie es verkündet und durchweg geglaubt wurde, auch der gefürchteten Osteoporose vorbeugt, hat die neue Studie noch nicht geklärt. Die Untersuchung von »Premarin«, das nur aus Östrogen ohne Beimischungen besteht, wird vorläufig, mit nunmehr gebotener besonderer Vorsicht, fortgesetzt. Doch dem Glauben an all die wunderbaren altershemmenden Eigenschaften der Hormongaben ist jetzt bereits der Boden entzogen.

Die Erfolgsgeschichte der Hormonpräparate ist auch eine Geschichte aggressiver moderner Werbung. Wyeth gelang es, sie weit hinaus über ihre möglicherweise lindernde Wirkung bei akuten Beschwerden zu einem Wundermittel gegen das Altern zu stilisieren. Der geschickte Appell an menschliche Urängste in Verbindung mit dem uramerikanischen Glauben an die Möglichkeiten wissenschaftlichen und technischen Fortschritts ließ die kleinen Pillen zu einem fast schon obligatorischen Hausmittel für Abermillionen Amerikanerinnen werden. Dem Traum von ewiger Jugend, Fitness und Leistungsfähigkeit erlagen auch die, bei denen gar keine Wechseljahrsbeschwerden auftraten. Der angebliche Jungbrunnen erwies sich als sprudelnde Dollarquelle für seine Hersteller.

Kein Wunder, dass nach dem spektakulären Abbruch der Studie und der Vorabveröffentlichung der Teilergebnisse die Telefone der Frauenärzte heißliefen. Viele hängten den Hörer ab oder ließen ein Band mit vagen vorgefertigten Antworten auf die häufigsten Fragen laufen. Denn auch die Ärzte wurden von den dramatischen Informationen kalt erwischt und in ihrem bisherigen Vertrauen in die HRT (Hormone Replace Therapy) erschüttert.

Der Verdacht, dass die HRT mehr schadet als nutzt, war schon früher mehrfach aufgetaucht, besonders die Gefahr eines erhöhten Brustkrebs-Risikos und erheblicher Nebenwirkungen auf Herz und Kreislauf waren von einzelnen Ärzten und Forschern konstatiert worden. Die mitverkauften Hoffnungen auf einen Schutz sogar vor geistigem Verfall und Alzheimer galten den Kritikern als pures Wunschdenken. Doch die Hersteller reagierten flexibel mit gestaffelten Dosierungen und Kombinationen und undurchsichtigen Gegenstudien und hielten ihre Gläubigen bei der Stange.

In Deutschland, wo Premarin unter dem Namen Presomen vertrieben und von etwa fünf Millionen Frauen eingenommen wird, sagte Dr. Ingrid Mühlhäuser, Professorin für Gesundheit an der Universität Hamburg, im Jahr 2001 voraus, dass »vom angeblichen Segen der »Östrogene« bei gründlicher Prüfung »kaum etwa übrig bleiben« werde.

Überhaupt scheinen es überwiegend weibliche Forscher und Ärzte zu sein, die den Stein ins Rollen brachten. Sie erkannten den sexistischen Aspekt der HRT, der Frauen (und Männern) suggeriert, nur ein jugendlicher Hormonhaushalt mache sie zu vollständigen Wesen. Auch das, was man in Amerika »ageism« nennt, wurde angeprangert, die Diskriminierung des Alters und der natürlichen Alterungsvorgänge.

Auch von einer ganz anderen Seite kam zunehmend massive Kritik: von den animal rights - Gruppen. Sie machten bekannt, unter welch unsäglichen Umständen der Wirkstoff aus dem Pferdeurin gewonnen wird. Etwa achtzigtausend Stuten stehen pro Schwangerschaft sechs Monate in engen Boxen, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können, bei knapper Wasserzufuhr (was den Urin ertragreicher macht) und werden immer wieder geschwängert. Die so entstehenden Fohlen, ein Nebenprodukt, wandern gleich weiter in den Schlachthof. (Diejenigen, die genauere Einzelheiten über das Elend der Premarin-Stuten erfahren wollen, können bei uns einen ausführlichen Bericht in englischer Sprache abrufen.)

Ein Mann, der gleich nach dem Bekanntwerden der WSI-Studie seine Stimme erhob, sprach aus, was alle Tierschützer/ innen denken: Hoffentlich geht jetzt das Martyrium der Premarin- Stuten zu Ende! Das Besondere an diesem Mann: er ist der Sohn jenes Dr. Wilson, der den gigantischen Erfolg der Hormonersatztherapie begründet hat. Wilson junior hatte sich schon als Heranwachsender von seinem Elternhaus getrennt, unter anderem, weil sein Vater eine unerträgliche Kälte ausstrahlte und ein Hitler-Verehrer war, der stolz sein Exemplar von »Mein Kampf« zu präsentieren pflegte. Später kam hinzu, dass die Mutter, die Dr. Wilson in seine ausgedehnten Propagandakampagnen für das Wundermittel eingespannt hatte, ihm nach dem Tod des Vaters eine schon Jahre zurückliegende Brustamputation gestand, die sie verschweigen musste, um den Ruf des großen Hormonpropagandisten nicht zu ruinieren. Als ihr Krebs Anfang der 80er Jahre zurückkehrte und sie daran starb, begann sich der Sohn erstmals genauer mit der Tätigkeit seines Vaters zu beschäftigen. Er fand heraus, was er erst jetzt bekannt gibt, dass schon das Buch »Feminine forever« und all die anschließenden Vortragsreisen landauf, landab sowie das väterliche Prestigebüro »Dr. Wilson Research Center« an der sündteuren Park Avenue in New York vollständig von der Firma Wyeth bezahlt wurden. Ronald Wilson vermutet auch, dass sein Vater bereits von bedenklichen Nebenwirkungen der HRT Kenntnis erlangt hatte und an der Manipulation unerwünschter Daten mitwirkte. Mit einer seltsamen Mischung aus Respekt und Grauen blickt er auf den Vater zurück, mit dem ihn nichts, auch kein finanzielles Erbe, verbindet. Er selbst hat vor fünf Jahren nach der Lektüre von »Animal Liberation« einen Weg beschritten, der ihn noch weiter von ihm wegführt: Er wurde Veganer und Tierrechtsaktivist und betreibt auf seinem Grundstück ein Asyl für gestrandete Tiere, darunter Gänseherden und Schwanfamilien. Seine Frau nimmt keine Hormonpräparate, und an seinem Honda klebt der Aufdruck »Tiere sind nicht für uns da zum Essen, Kleiden, Vergnügen oder um mit ihnen Experimente zu machen.«


 
Startseite   Drucken   Beitrag weiterempfehlen