Können die Tiere warten, bis die Menschen ihre Angelegenheiten ins Lot gebracht haben? »Probleme von anderen können ja erst in Angriff genommen werden, wenn bei einem selbst alles »im Lot« zu sein scheint«, schreibt ein Leser unseres Magazins zu dem Bericht über Aktivitäten von Tierversuchsgegnern in Israel... Der Leser mag damit recht haben, dass »der Mensch« grundsätzlich die eigenen Probleme wichtiger nimmt als die von anderen, aber wenn das immer und nur so wäre, dann hätte es wohl nie in der Geschichte soziales, humanitäres, altruistisches Handeln gegeben. Dass vorher »alles im Lot« ist, dürfte in der Praxis kaum vorkommen. Gewiss gibt es graduelle Unterschiede, wie weit einen die eigenen Probleme bedrängen und Raum dafür lassen, sich um andere zu kümmern. Aber eben deshalb fanden wir das Beispiel Israel so bemerkenswert: dass es dort, wo es wirklich um existenzielle Probleme geht, (viele) Menschen gibt, die das - existenzielle - Leiden »anderer« nicht als zweitrangig betrachten. Und was die Tiere betrifft, so sind sie in der Ordnung der Menschenwelt immer und per definitionem zweitrangig, unwichtig, so dass es immer einen Grund gibt, ihre »Probleme« von der Tagesordnung zu streichen. Weitaus geringere Gründe als Kriegssituationen reichen dafür aus. Bricht aber irgendwo Krieg aus, ist die schönste anthropozentrische Selbstgerechtigkeit in ihrem Element. Man kann sicher sein, dass dann in den Zeitungen mit kopfschüttelnder Ironie Leute zur Ordnung gerufen werden, die zum Beispiel versuchen, Tiere zu retten, die zu Kriegsopfern geworden sind, bosnische Hunde etwa. Wo doch so viele Menschen... Die Versuchstiere geht der israelisch-arabische Konflikt nichts an. (Während dieser Artikel geschrieben wird, meldet das Fernsehen den neuesten Selbstmordanschlag eines Palästinensers - aus Petach-Tikva, dem Ort, an dem in einer der weltgrößten Affenzuchtstationen über 200 Versuchsaffen auf ihre »legale« Ermordung warten. Ihrer Befreiung diente der Anschlag nicht.) Und diejenigen, die ihr permanentes Leid verursachen, lassen sich von dem Menschenleid um sie herum auch nicht gerade aufhalten, wie zwei Meldungen aus der Region frisch belegen. So verkündeten Forscher der Hebrew University Ende Mai 2002 stolz ihren jüngsten Erfolg: Das federlose Huhn !
Sollte Ayelet Salee-Reiz, Sprecher der »Gesellschaft für Ethische Wissenschaft« mit pietätvollem Schweigen das Ende April 2002 zwischen der israelischen Regierung und der Europäischen Union unterzeichnete Abkommen übergehen, das die gegenseitige Anerkennung vorklinischer Tests (also in der Regel Tierversuche) für Kosmetik, Medikamente, Toxine und Pestizide festschreibt? Salee-Reiz teilt nicht die Freude seines Ministers, dass dadurch Hindernisse für einen problemlosen Handel mit der EU aus dem Weg geräumt werden, sondern zeigt auf, worauf dieses Abkommen zielt: auf die »Auslagerung« von Tierversuchen aus den europäischen Ländern nach Israel. Tierversuche, die in Europa illegal sind oder auf bürokratische Schwierigkeiten stoßen, können hier unter sehr viel günstigeren Bedingungen durchgeführt werden. Die Tierschutzorganisationen des Landes schlagen Alarm, dass das Abkommen eine florierende Tierversuchsindustrie ins Leben rufen werde. (Es war kein Tierrechtler, sondern der Minister für Handel und Industrie, der erklärte: »Während sich Israel einem weltweiten Verbraucherboykott gegenübersieht, hat Europa beschlossen, unsere vorklinischen Tests anzuerkennen«. Die für solche Tests zuständige Behörde untersteht eben diesem Ministerium für Handel und Industrie. Der Verdacht der Tierschützer, hier handle es sich darum, einem Wirtschaftszweig den Weg zu ebnen, scheint also nicht weit hergeholt. )
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