Ratten als Roboter Die Behauptung des Philosophen Descartes (1596-1650), dass Tiere Automaten ohne eigenen Willen seien, die für Jahrhunderte begierig aufgegriffen wurde, ist schon lange an ihr Ende gekommen. Sie ließ sich naturwissenschaftlich nicht mehr halten, so dass die Wissenschaftler schließlich zu der Einsicht kamen, die jedes Kind auch schon zu Descartes' Zeiten besaß: dass Tiere sehr wohl einen eigenen Willen haben, jedes einzelne. Man half sich damit, diesen Willen dann eben für unbeachtlich zu erklären. Die Pseudorationalisierung der Tierausbeutung erwies sich als überflüssig, man hatte ja, vor und nach dem Freibrief des Philosophen eine ausreichende Basis - die Macht des Stärkeren. Wo sich der Wille des Tieres den Interessen des Menschen entgegenstellt, kann man ihn ja einfach brechen. Doch mit dem wachsenden Raffinement der Naturbeherrschung werden auch die Ausbeutungsmechanismen raffinierter. Kette, Käfig und Peitsche wirken fast schon primitiv im Vergleich zu dem, was sich nunmehr abzeichnet. Statt mit äußerer Gewalt auf den Willen der Widerspenstigen einzuwirken, kann man da nicht mit den avancierten Methoden unserer Zeit direkt auf den Willen einwirken, ihn im Körperinneren durch den Menschenwillen ersetzen? Ein gewisser Sanjiv Talvar, Leiter eins Forscherteams an der State University of New York, könnte sich mit einem neuen Meilenstein in die Geschichte der Tiernutzung einschreiben. Er verkündet das Ergebnis eines ganz besonderen Tierversuchs: Es ist ihm gelungen, Elektroden so gezielt in das Gehirn von Ratten zu implantieren, dass sie ferngesteuert dem Willen eines Menschen folgen Naja, ein bisschen altmodische Gewalt ist immer noch vonnöten: man muss der Ratte ja erst die Elektroden in den Kopf bohren, man muss sie »trainieren«, bestimmte Signale ihrer Schnurrhaare als Anweisung zur Änderung ihrer Laufrichtung zu verstehen, man muss ihr einen Mikroprozessor auf den Rücken schnallen und sie schließlich dahin setzen, wo sie der Kommandogeber haben will. Dann aber läuft sie los und merkt nicht, dass sie gar nicht ihrem Willen folgt, wenn sie einen Weg einschlägt. Ihr Wille würde ihr mit Sicherheit eingeben, den schnellsten Weg zu nehmen, um vor ihren Quälern weit, weit weg zu rennen. Aber die Nervenzellen, die die Signale der Sinneswahrnehmung über die Schnurrhaare verarbeiten, werden dank der Elektroden über den Mikroprozessor fremdbestimmt und fehlgesteuert. Sie rennt nicht dahin, wo sie hin will, sondern wo sie hin soll. Läuft über hell erleuchtete Flächen, die sie sonst meiden, springt und klettert über Hindernisse, denen sie sonst ausweichen würde. Und es scheint alles ganz natürlich auszusehen (wenn man mal von dem kleinen Rucksack absieht) - die Ratte rennt scheinbar freiwillig. Derjenige, der den Verlauf ihres Rennens bestimmt, ist ein Kommandant, der bis zu 500 Meter entfernt auf einem Stuhl sitzt und durch kleine Stromschläge per Fernbedienung genau die Regionen des Gehirns stimuliert, die die - ebenso virtuell erzeugten - Berührungen der Tasthaare als Informationen verarbeiten. Und also läuft die Ratte, ein biologischer Roboter, von einem fremden Willen bestimmt, auch ahnungslos in ihr Verderben. Zum Beispiel auf ein Minenfeld. Das ist denn auch das offen deklarierte Ziel des Experiments: Ratten könnten zukünftig als »intelligente Roboter« bei der Räumung von Landminen eingesetzt werden. Wunderbare Möglichkeiten tun sich auf! Es muss ja nicht bei Ratten bleiben. Das im Gatter aufgezogene »Wild« könnte dem faulen Jäger »frei«willig vor die Flinte laufen, Schlachttiere bewegten sich »frei«willig auf den Transporter und zum Bolzenschussapparat. Das wäre jedoch wohl zu aufwändig, da ist die schlichte Gewalt billiger. Aber ferngesteuerte Tiere als Selbstmordattentäter zum Beispiel, das könnte sich lohnen. Wäre ein beachtlicher Fortschritt gegenüber den Hunden, die man schon im Ersten Weltkrieg zu diesem Verhalten brachte, indem man sie daran gewöhnte, ihr Futter unter Panzern zu suchen und sie dann ausgehungert mit einer aufgeschnallten Bombe auf dem Rücken unter die feindlichen Panzer schickte. »Ich kann nicht leugnen, dass es da einige ethische Probleme gibt«, sagte Mr. Talwar, aber seine Experimente seien von den Richtlinien der US National Institutes of Health gedeckt. Und die Ratten würden überhaupt nicht gezwungen, sondern nur dadurch motiviert, dass ihr »Belohnungzentrum« im Gehirn stimuliert werde. Das Belohnungzentrum von Wissenschaftlern die Tiere in lebende Roboter verwandeln, ist auf einfacherem Weg zu stimulieren - so lange es für Derartiges finanzielle und gesellschaftliche Belohnung gibt. Eine Beschreibung des Experiments ist in der Fachzeitschrift »Nature«, Band 417, S. 37, zu finden. |