2001: Streiflichter Inhalt: 1. Ein »Zeichen« aus Nürnberg - Erlangen 2. Eine Entscheidung aus Bremen 3. Lipobay - der Arzneimittelskandal des Jahres 5. Parallelen, die sich nicht treffen 1. Ein »Zeichen« aus Nürnberg - Erlangen Am 13. September erfolgte der erste Spatenstich für ein neues »Zentrum für experimentell-medizinische Forschung« der Universität Erlangen-Nürnberg . Baukosten: 49,5 Millionen DM (Steuergelder). Hinter dem Namen verbirgt sich der Neubau riesiger moderner Tierställe, darunter ein großer Trakt für Primaten. Eine andere Zahl wurde aus diesem Anlass bekannt: Es gibt allein in dieser Universität 42 medizinische Lehrstühle, die sich der »Raumkapazitäten und Arbeitsmöglichkeiten » der neuen Einrichtung bedienen werden, die 2004 fertiggestellt sein soll. Erlangen hat den Ehrgeiz, die »Medizinhauptstadf« Deutschlands zu werden. Zwei Tage nach dem Terroranschlag von New York und Washington verkündete der Rektor der Universität, Prof. Gotthard Jasper, dass dieser Spatenstich einen »Moment des Innehaltens im Prozess einer bewussten Gestaltung der Zukunft« sei. Die Zukunft der Tiere, die hier und anderswo einsitzen werden, ist voraussehbar. Der programmierte Terror gegen Tiere geht weiter, wird ausgeweitet, verstärkt, modernisiert, effizienter gestaltet. Dass eine »unbeschwerte und freudige Feier« dieses Fortschritts nicht ganz ungetrübt blieb, lag nur an dem tagesfrischen Terroranschlag - gegen Menschen. »Neues Tierversuchszentrum für eine mittelalterliche Forschung« plakatierten die Tierversuchsgegner Nürnberg draußen vor der Tür. Wahrhaftig, der feierliche Spatenstich symbolisiert augenfällig die unheilige Koppelung eines brutal anthropozentrischen Fortschrittsbegriffs mit einem mittelalterlichen Verständnis von den anderen Tieren. Der bayerische Wissenschaftsminister Zehetmair betonte ausdrücklich, »ein Zeichen setzen« zu wollen, dass »der Fahrplan nicht geändert« werde. Wie tröstlich für die vom Terror bedrohten Menschen, dass sie selbst ungebrochen Terror ausüben dürfen. 2. Eine Entscheidung aus BremenDie Wissenschaftssenatorin des Landes Bremen Adolf, Hilde hat die folterischen Affenversuche des Prof. Andreas Kreiter vom Institut für Hirnforschung für weitere drei Jahre genehmigt. Der Sturm der Entrüstung, der vor einigen Jahren gegen Kreiter ausgebrochen war und an dem sich eine hohe Zahl seiner Universitätskollegen beteiligt hatte, hat ihn nicht fortgeweht. Nur sogenannte »strengere Auflagen« wurden ihm für die nächsten 20 (zwanzig) Affen auf den Weg gegeben. Außer zwei »Abstracts« hat Kreiter bisher keine relevanten Ergebnisse seiner seit 1998 laufenden »Forschungen« vorgelegt. Er brauche noch weiteres »statistisches Material«, überzeugte er Frau Adolf. (Was ein wenig auffällt, ist, dass die neue Genehmigung für drei Jahre erteilt wurde. Gewöhnlich gibt es für ergebnislose Versuche für weitere fünf Jahre Fortsetzungserlaubnis und entsprechende Finanzierung. ) 3. Lipobay - der Arzneimittelskandal des JahresIm Sommer war die Aufregung groß. Die Firma Bayer musste ihren Senkrechtstarter von 1997, das cholosterinsenkende Mittel Lipobay (in anderen Ländern unter anderen Namen vertrieben) vom Markt nehmen, weil die Arznei zum Abbau von Muskelzellen führte und in dringendem Verdacht steht, mindestens 50 Todesfälle verursacht zu haben. Die Aktienkurse von Bayer fielen - vorübergehend. 4. MilzbrandbakterienEine kleine Meldung vom Juli bekommt erst im Nachhinein eine besondere Note. Vorher konnte man ihr nur entnehmen, was wir ohnehin wissen, dass auch im Auftrag der Bundeswehr Tierversuche durchgeführt werden. In der ohne erkennbaren Anlass veröffentlichten Meldung wurde mitgeteilt, dass an der Universität Hohenheim (Stuttgart) Forschung im Bereich der (offiziell weltweit verbotenen und geächteten) militärischen Biowaffen betrieben werde. Natürlich erklären Wissenschaftler und Bundeswehr, dass es sich nur um vorbeugende Verteidigung gegen biologische Kampfstoffe, insbesondere Milzbrandbakterien, handle. Die Grenze zwischen Angriffs- und Verteidigungswaffen ist freilich bekanntermaßen fließend. Für die dafür eingesetzten Versuchstiere handelt es sich in jedem Fall für Angriffswaffen: Sie müssen erst einmal mit Milzbrand infiziert werden. Die Milzbrandbakterien (Antrax) haben seitdem eine traurige Berühmtheit erlangt. Nachdem in Amerika Briefe auftauchten, die mit dem Antrax-Erreger präpariert waren und den Tod mehrerer Empfänger und Postangestellter zur Folge hatten, verdichtete sich der Verdacht, dass ein amerikanischer Wissenschaftler die Briefe versandt hatte - sein Motiv: Er wollte mehr öffentliche Gelder für die Forschung mit Milzbrandbakterien. Der Zeitpunkt war nach den Anschlägen vom 11. September günstig. (Nebenbei brachte die plötzlich forcierte Angst vor Antrax den Herstellern von Gasmasken eine schöne Umsatzsteigerung.) Es ist anzunehmen, dass nun auch die Milzbrandforscher von Hohenheim eine kräftige Erhöhung ihres Forschungsetats erhalten - ohne selbst verseuchte Briefe verschicken zu müssen. 5. Parallelen, die sich nicht treffenNach diesem kurzen Streifzug durch eine florierende Branche ist ein Blick auf ein andere Art von Meldungen interessant, die oft in den gleichen Zeitungen veröffentlicht werden - ohne dass diese parallele Berichterstattung jemals im Zusammenhang gesehen wird. Da ist zum Beispiel der Paukenschlag, zu dem sich die großen medizinischen Fachzeitschriften, 13 an der Zahl, im September in London aufgerafft haben, um gegen den dramatisch wachsenden Druck der Pharmaindustrie Protest einzulegen. Da heißt es etwa: Neun von zehn (!) Studien, die dem (hoch angesehenen) britischen Journal »The Lancet« vorgelegt wurden, hätten sich inzwischen als unbrauchbar erwiesen, wie dessen eigener Chefredakteur Richard Horton angibt. Entweder stieße man auf grobe technische Fehler, oder die positiven Effekte eines Medikaments seien stark übertrieben, während die schädlichen Nebenwirkungen heruntergespielt würden. Angeblich unbestechliche und unparteiische Wissenschaft verkomme zunehmend zu einem Instrument des Marketing. Nach dem Motto »Wes Brot ich ess, des Lied ich sing« würden Untersuchungen zur Überprüfung neuer Medikamente so zugunsten des Auftraggebers ausgerichtet, dass es »an Betrug grenze« (vorsichtig britisch ausgedrückt). Viele angeblich unabhängige Forschungsinstitute haben sich in die Abhängigkeit von Unternehmen der Pharmaindustrie begeben. Da für diese (aber auch für die finanzschwachen Institute und Universitäten selbst) der finanzielle Druck immer größer werde, seien Manipulationen an der Tagesordnung, um teure Fehlschläge zu vermeiden. Die Unternehmen halten ihre Daten streng unter Verschluss, eine Nachprüfung der Ergebnisse werde damit völlig unmöglich gemacht. Neun von zehn »wissenschaftlichen Studien« im Nachhinein für unbrauchbar und betrügerisch zu erklären, ist ein stolzes Ergebnis. Doch, wie gesagt, die Parallelen treffen sich nicht - die »Forscher«, in zehn von zehn Fällen Tierversuchsforscher, verbreiten weiter ihre Erfolgsmeldungen, die Forschungsgelder fließen, die Einnahmen der Vermarkter ebenso, und die Öffentlichkeit glaubt weiterhin an die segensreichen Erkenntnisse aus dem Tierversuch. Da auch die so hoch angesehenen Fachzeitschriften wie »The Lancet« und die anderen 12 aus der gleichen Wissenschaftswelt wie die von ihnen kritisierten Kollegen kommen und das Brot dieser in sich geschlossenen Welt essen, wird es trotz ihrer überraschend drastischen Kritik wohl noch dauern, bis sie zehn von zehn auf dem Tierversuch basierenden Studien so fragwürdig finden werden, dass sie die Methode grundsätzlich infrage stellen. 6. Presomen, der JungbrunnenUnter diesem Blickwinkel möchten wir noch einen Artikel aus dem SPIEGEL Nr.30, 2001 »Die große Hormon - Blamage« empfehlen, in dem ein ungemein verbreitetes und gewinnbringendes Arzneimittel zur Gänze entzaubert wird, das Presomen , vertrieben von der deutschen Firma Solvay (anderswo auch unter dem Namen Premarin im Handel). Dieses zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden, aber auch als Vorbeugung gegen Osteoporose, Brustkrebs, Herzerkrankungen und Alzheimer angepriesene Östrogenpräparat wird Millionen Frauen zur vorbeugenden Langzeittherapie aufgeschwätzt. Eine profitträchtige Zielgruppe, der sich leicht einreden lässt, dass eine künstliche Zuführung »natürlicher« Hormone alle Alterungsprozesse aufhält. Der mittelalterliche »Jungbrunnen« erlebt seine abergläubische Wiedergeburt. Wen interessiert da, dass der angebliche Wirkstoff aus dem Urin von Pferden gewonnen wird, von Stuten, die zu diesem Zweck fest in Boxen eingesperrt und ständigen Schwangerschaften unterzogen werden. Der SPIEGEL führt eine ganze Reihe von Gynäkologen und Gesundheitsforschern an, die aufgrund von Langzeitstudien zu dem Ergebnis kommen, dass die »Hormonersatztherapie« überhaupt keine oder sogar schädliche Wirkungen hat. Lange Zeit wird es auch dauern, bis sich dieses Ergebnis herumspricht - die Pferde werden weiter leiden, bis sich der Aberglaube verflüchtigt. Bis dahin haben diejenigen, die ihren Profit daraus ziehen, ihre Schäfchen im Trockenen. 7. Ausblicke?Ebenfalls unter dem Blickwinkel kritischer und aufklärender Ansätze werden wir im nächsten Jahr im Magazin zunehmend über Alternativforschung auf den vom Tierversuch besetzten Gebieten berichten. Erfolgversprechend erscheint zum Beispiel eine in der Fachzeitschrift ALTEX (Alternativen zu Tierexperimenten) veröffentlichte, breit angelegte wissenschaftliche Untersuchung von Toni Lindl u.a. , die eine sorgfältige Bewertung von Ergebnissen genehmigter und ausgeführter Tierversuche vornimmt. Diese Studie wird systematisch fortgesetzt und kommt schon nach dem vorliegenden Material von drei Jahren zu einem niederschmetternden Ergebnis für die praktizierte Versuchstierforschung. Zitat: »Die ausgewerteten Anträge und die damit zusammenhängenden Publikationen lassen u.a. erkennen, dass bei vielen tierexperimentellen Versuchsvorhaben das postulierte (geforderte, angestrebte) Ziel nicht oder nur teilweise erreicht wurde. ... Versuchsvorhaben, die mit herkömmlichen Standardformulierungen begründet werden, erhalten für den Menschen relevante Erkenntnisse nur aufgrund von Zufallstreffern. Neue Therapien bedingen offensichtlich vor der Anwendung am Menschen nicht zwingend ein positives Ergebnis aus tierexperimentellen Versuchsvorhaben. Dass wirft letztlich die Frage der Unerlässlichkeit, Notwendigkeit und ethischen Rechtfertigung von tierexperimentellen Versuchsvorhaben auf.« NachwortWir wollen das Jahr nicht beschließen, ohne eines Menschen zu gedenken, der 2001 seinen Einsatz gegen Tierversuche und Tierausbeutung mit dem Leben bezahlt hat. Der leidenschaftliche englische Tierversuchsgegner Barry Horne starb am 25. Oktober bei seinem dritten Hungerstreik. |