Flabbergasted - Rinderhirn statt Schafshirn Eine Meldung wie diese geht einmal, zweimal durch die Presse und dann verschwindet sie wieder. Manche nennen es einen Skandal, andere berichten nüchtern über einen Fehler, einen Irrtum. Besonders viel Wind wird nicht darum gemacht. Dieser spezielle »Fehler« hätte um ein Haar die »Keulung« und Verbrennung von etwa 40 Millionen Schafen und Lämmern zur Folge gehabt, nämlich des gesamten Schafbestands auf der britischen Insel. Aber auch das hätte »der Verbraucher«, der englische in diesem Fall, hilflos zur Kenntnis genommen, hat er sich doch seit dem Beginn der BSE-Krise und dem massierten Auftreten der Maul- und Klauenseuche in dem schönen Jahr 2001 schon an die Millionenzahlen verbrannter Tiere gewöhnt. Es ging um nichts Geringeres als die Vermutung, dass auch Schafe BSE - infiziert sein könnten. Hinter der (für Menschen nicht gefährlichen) Schafkrankheit Scrapie könnte sich doch auch BSE verbergen, rätselte man. Und so machte sich das von der britischen Regierung getragene und finanzierte Institut für Tiergesundheit in Edinburgh daran, die von 1990 bis 1992 in verschiedenen Veterinärlabors gesammelten und eingefrorenen Gehirne von Schafen zu untersuchen, die an Scrapie gestorben waren. 2.860 Stück bekamen die Forscher als Untersuchungsmaterial zusammen, besser gesagt, eine matschige Paste, die aus den Gehirnen gepanscht worden war und wie Porridge aussehen soll. Und nun forschten und forschten sie. Seit 1997, fünf Jahre lang. Und zwar, indem sie die Gehirnpaste in die Köpfe (genetisch manipulierter) Mäuse injizierten, denn Mäuse sind für alles gut. 217.000 britische Pfund wurden bei diesen ausgedehnten Versuchen verbraucht, die Zahl der Mäuse und sonstigen Versuchstiere ist unbekannt. Bekannt wurde aber die Methode: Das Gehirn eines einzigen Tiers wurde jeweils 100 bis 120 Mäusen eingegeben, an denen dann über drei Jahre(!) die Krankheitserscheinungen beobachtet wurden, die sich aus dieser milden Gabe entwickelten, wenn die kranken Mäusehirne dann wieder an andere Mäuse verfüttert wurden. Im Nachhinein erfährt die Öffentlichkeit übrigens, dass die Regierung wiederholt auf die Unsinnigkeit dieser Testmethode hingewiesen worden sei, unter anderem deshalb, weil so viel Platz und Aufwand für die Massen an Mäusen verschwendet würde. (Die Professoren Anderson und Collenge boten statt dessen einen 14-tägigen chemischen Test an...) Am Freitag, dem 19. Oktober 2001 sollte das Ergebnis veröffentlicht werden. Es lautete: Ja, BSE hat die Speziesgrenze übersprungen, auch Schafsgehirne hatten sich als befallen erwiesen. Doch an dem Mittwoch davor wurde bekannt, was sich bei Stichproben durch ein staatliches chemisches Labor herausgestellt hatte, dass es sich nämlich bei dem gesamten untersuchten Material um Rinderhirne und nicht um Schafhirne gehandelt hat. Zu 100 Prozent um den Hirnmatsch BSE-kranker Rinder, wie DNS-Tests eindeutig ergaben, so dass es wohl keine Kunst war, darin BSE festzustellen. Eher schon eine Kunst, dafür fünf Jahre zu brauchen. »Flabbergasted« sei er nach der Entdeckung gewesen, erklärte der Leiter des Edinburgher Instituts, was sich mit »einfach platt« übersetzen lässt. Woran es nur gelegen haben mag, dass ein »wissenschaftliches Weltklasse-Team« fünf Jahre lang die Hirnmasse von Rindern mit der von Schafen verwechselt hat, wird wohl nie geklärt werden. Eine Vermutung geht dahin, dass bei der Beschriftung »bovine« (vom Rind) ein b verloren gegangen ist und sich so das Wort »ovine« (vom Schaf) ergeben hat... Peinlich. Aber offenbar nicht mehr als das. Vielleicht muss der eine oder andere seinen Stuhl räumen, die zuständige Ministerin jedenfalls nicht. Obwohl auch noch ein nachträglicher Vertuschungsversuch der Regierung in Rede steht. Aber so schlimm ist es ja nicht. Der unbrauchbare Fünfjahrestest wird auf den Müll geworfen. 40 Millionen gesunder Schafe sind mal so eben an der Massenvernichtung vorbeigeschrammt. Die Rinder und Schafe, die Vorbesitzer der vertauschten Hirne, sind tot, und die Mäuse sind auch tot. Doch die Wissenschaft von dem alles klärenden Tierversuch lebt. Und der Glaube an sie. Leon Bernstein |