Menschenaffen und Demokratie

Eine Meinungsumfrage in den USA über Schimpansen erbrachte im Frühjahr 2001 ein Bild, das vermutlich in Europa nicht viel anders aussehen würde. Danach glauben 85 Prozent der Befragten, dass Schimpansen ein komplexes soziales Leben führen, dessen Intelligenz- und Gefühlsstrukturen denen des Menschen sehr ähnlich sind. Neun von zehn Amerikanern halten die nach dem Tierschutzgesetz zulässigen Käfige nach Art und Größe für nicht akzeptabel. Und über die Hälfte (51 Prozent) finden, dass Schimpansen den gleichen rechtlichen Status haben sollten wie Kinder und ihre Rechte durch Vormünder wahrgenommen werden müssten.

Die Frage, ob Schimpansen für medizinische oder wissenschaftliche Experimente benutzt werden dürfen, wurde nicht gestellt. Für die 51 Prozent, die sie menschlichen Kindern gleichgestellt sehen möchten, beantwortet sie sich von selbst. Wenn dann noch 80 Prozent der Auffassung sind, dass die Regierung finanziell für den Lebensabend »ausrangierter« Versuchstiere in einem Freilandrefugium aufkommen müsse, zeigt dies den guten Willen der Mehrheit, dass es den Affen wohlergehen möge. Diese letzte Antwort zeigt freilich auch, dass die Mehrheit sich noch immer ein ziemlich naives Bild von Tierversuchen macht. Schließlich überleben die meisten Tiere die Versuche nicht, und die, die sie überleben, dürften physisch und psychisch kaum in der Lage sein, eine Art geruhsames Rentnerdasein zu genießen.

Dennoch spiegelt die Umfrage eine sich verändernde Einstellung zu den Schimpansen und, wie auf dieser Basis zu erweitern ist, insgesamt zu den großen Menschenaffen. Die Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung und der Genetik durch das Fernsehen und viel gelesene Zeitschriften und Zeitungen beginnt Früchte zu tragen. Der jahrtausendelang verlachte Affe, der nur als eine Art Karikatur des Menschen wahrgenommen wurde, erscheint zunehmend als »Bruder Affe« (so ein »Spiegel«-Titel im vorigen Jahr), als verdammt naher Verwandter. Nach den eindrucksvollen Dokumentarfilmen von Jane Goodall und anderen Ethologinnen hat sich in unseren Tagen eine junge Tierforscherin einen ganz unbefangenen, neuen Weg ausgedacht, die Verwandtschaft unübersehbar zu machen. Sie präsentiert ihre Beobachtungen in der BBC als Soap-Opera, als eine Folge spannender Geschichten aus dem Alltag. Sie lieben und sie zanken sich, es gibt Angeber und Schüchterne, Rabaukentum und Beschaulichkeit, Traurigkeit und Übermut, und dass es Schimpansen sind und nicht Menschen, fällt bald gar nicht mehr auf. »Affen haben Gefühle wie wir«, sagt die Zoologin und Psychologin Charlotte Uhlenbroek, die mit diesen Filmen zum Star geworden ist. (Drei Folgen aus dem neuen Programm der Primatenforscherin wurden vor kurzem von der ARD gezeigt. Titel: »Unsere haarigen Vettern«. Darin geht es nicht nur um Schimpansen, sondern auch um andere Affenarten.)

Besteht für (Menschen-)affen wegen ihrer nun schon so populären Menschenähnlichkeit eine größere Chance, dem Missbrauch als Versuchsobjekte zu entrinnen? Leider sieht es nicht danach aus, die Zahl der Affenversuche ist in den letzten Jahren angestiegen. Doch liegt hier ein Ansatzpunkt, den die aktiven Gegner von Tierversuchen besser nutzen sollten. Wenn die Kenntnis der sozialen und kognitiven Fähigkeiten von Tieren so weit über die Grenzen der Fachwissenschaft hinausgedrungen ist wie im Fall der Affen und ihre Menschenähnlichkeit bereits im Bewusstsein von Mehrheiten lebt, besteht ein demokratisches Problem. Die vorausweisende Ethik der Tierrechtlerinnen und Tierrechtler ist hier schon mehrheitsfähig. Bei gezielter Verdeutlichung des Widerspruchs zwischen der Akzeptanz der engen Verwandtschaft durch die Bevölkerungsmehrheit und der Benutzung von Affen für Experimente (die würden ,sie an Menschen(kindern) unternommen, als Folterung gelten) müsste das rechtstaatliche Verbot der Folter ohne weiter Verzögerungen gesetzlich auf (Menschen)affen ausgedehnt werden.

Zwar müssen konsequente Tierrechtler logischerweise einwenden, dass kein Unterschied zwischen den verschiedenen Tierarten gemacht werden dürfe. Besonders der pathozentrische Ansatz, der sich auf die Kurzformel »Im Leiden sind alle gleich« bringen lässt, erlaubt kaum eine »Bevorzugung« der Primaten. Doch hier ist nicht der Platz, um die Debatte über »Tierrassismus« zu vertiefen. Für den politisch-rechtlichen, pragmatischen Gesichtspunkt, zu dem die anfangs zitierte amerikanische Umfrage einen Denkanstoß bietet, sind Grundsatzüberlegungen weniger wichtig als die Frage »Was kann man hier und heute schon erreichen?«

Der (auch) pragmatisch denkende und handelnde Tierrechtsphilosoph Peter Singer hat bereits vor einigen Jahren bewiesen, dass es möglich ist, wenigstens die Menschenaffen auf dem politischen Weg über die parlamentarische Gesetzgebung, also über die Beschaffung von Mehrheiten, aus der Maschinerie Tierversuch herauszubrechen. Die auf seine Initiative im Parlament von Neuseeland eingebrachte Gesetzesvorlage für die Rechte der Großen Affen war (mit einigen Einschränkungen) erfolgreich: In Neuseeland dürfen diese Tiere nicht mehr für Versuche benutzt werden.

Das gleiche Ziel hat eine aktuelle Initiative für Europa. In Italien hat eine Arbeitsgruppe, die von allen wichtigen italienischen Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen getragen wird, das Projekt angepackt, Experimente an Menschenaffen in der Europäischen Gemeinschaft verbieten zu lassen. So wie wir diese unsere Gemeinschaft kennen, wird es ein mühsames Hangeln von Ast zu Ast werden. Aber es ist nicht gänzlich unrealistisch, von der europäischen Bevölkerung zu erwarten, dass sie es mehrheitlich nicht für rechtens hält, ihre haarigen Brüder und Vettern der Folter auszusetzen. Ob »das Volk« bei den vertrackten Konsensfindungsprozeduren der Europäischen Gemeinschaft noch eine Rolle spielt, dafür könnte das Projekt, Menschenaffen auf demokratischem Weg zu befreien, ein gutes Exempel werden.

(Nähere Einzelheiten über die Initiative in italienischer Sprache unter www.novivisezione.org/europa/)
 
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