Ratten im Labor - Das Ebenbild des Menschen

Sie sind überall. In Göteborg, Kyoto, Parma, Montevideo, Chicago, Heidelberg, Sydney, Paris, Kapstadt, Toronto - in allen Städten der Welt, aber auch in der Provinz, auf dem Lande, sogar im Weltraum. Sie übertragen Krankheiten, erzeugen Schmerzen, vergiften, zerstückeln, verstümmeln und töten, töten, töten. Wer tut denn so etwas? Ratten etwa? Ach was - Professoren, Doktoren, wissenschaftliche Assistenten, Studenten, Laboranten (alle auch in der weiblichen Erscheinungsform des Menschen). Viele Nobelpreisträger darunter und mit sonstigen Ehren ausgezeichnete Angehörige der Gattung Mensch. Angehörige ihrer Eliten. Wo immer es eine Universität gibt, medizinisch-biologische Forschungseinrichtungen, Labors, Institute, tun sie das alles an denen, denen an, die nicht zu ihrer Gattung gehören, jedenfalls nicht nach ihrer eigenen Definition. Tieren. Tiere sind keine Menschen, das reicht. Ratten schon überhaupt nicht.

Allein der verbale Vergleich ist eine Beleidigung, die strafrechtlich verfolgt werden kann. »Ratten und Schmeißfliegen« nannte ein deutscher Politiker mal die deutschen Intellektuellen, die seine politische Meinung nicht teilten. Und die fühlten sich denn auch entsprechend beleidigt. Etwas Niedrigeres als die Ratte gibt es nicht. Womit hat sie sich das verdient? Mit nichts natürlich, wie jede seriöse Untersuchung vom Wesen und Leben der Ratten nachweist. Der Hass und die Verachtung sind so irrational wie fast alle Projektionen des Menschen auf die Tiere, im Fall der Ratte aber vielleicht am extremsten. Jemand hat schon mal das Wort »ir-ratt-ional« erfunden.

Ist es diese tief eingewurzelte Verachtung, die die Ratte zum Lieblingstier der Vivisektion gemacht hat? Quantitativ übersteigt die Zahl der in Versuchen verschlissenen Ratten und Mäuse (Ratten sind nichts anderes als große Mäuse) die aller anderen Tiere um ein Gewaltiges. Bei allen offiziellen oder von Pharmafirmen ausgegebenen Versuchstierstatistiken heißt es, dass »80 bis 90 Prozent« aller Versuchstiere »Nager« seien. Das umfasst pauschal Mäuse, Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen, suggeriert aber unvermeidlich - Ratten. Mäuse und gleich danach Ratten stellen den größten Anteil. Aus berufenem Munde, von dem »Tierschutzbeauftragten« der Fa. Hoechst, Tierarzt Heinz Seeger, ließ sich vor kurzem freilich etwas recht Überraschendes erfahren: »Ratten haben gegenüber anderen Labortieren keine besonderen Vorteile.« Gegenüber Mäusen zum Beispiel hätten sie allenfalls den, dass sie nicht (!), wie diese, Gestank verbreiten. Und eben größer seien, daher leichter zu handhaben. Aha. Also von Vorteilen für den Vivisektor ist die Rede, nicht von solchen für den Gewinn von Erkenntnissen. Da leuchtet der Quantitätsspruch spontan ein: Sie sind eben besonders praktisch. Kleiner als Elefanten, etwas größer als Mäuse, gerade richtig für massenhafte Experimente, vom lieben Gott direkt dafür geschaffen. Beim Applizieren von Instrumenten und Substanzen, beim Sezieren, beim Knochenbrechen, beim Lähmen von Gehirnteilen, beim Entfernen einzelner Organe zahlt sich die richtige Größe schon aus, auf die Menge umgerechnet. Und dann stinken sie noch nicht einmal!

Solche Art Vorteile haben Ratten (und Mäuse, wenn sie nicht zu klein sind) noch eine ganze Reihe. Sie lassen sich schnell vermehren, schnell und standardisiert züchten, wodurch sich auch genetische Defekte und Erbkrankheiten (Diabetes, Tumoranfälligkeit) leicht reproduzieren lassen, angeborene und künstlich zugefügte Krankheiten, inzwischen auch mittels Genmanipulation. Sie haben einen kurzen natürlichen Lebenszyklus, was eine Versuchsreihe schnell überschaubar macht, sie sind billig, sie brauchen nicht viel zu essen und nicht viel Platz. Und so genau zu zählen braucht man sie auch nicht - wo käme man da hin, wenn jedes einzelne nebenher bei missglückten Versuchen oder wegen schlechter Betreuung zugrundegegangene Exemplar aufgelistet würde, jedes zur »Ausbildung«, zu Fingerübungen genutzte, oder die »überzähligen«, die unbenutzt weggeworfen werden. Oft ohne sie noch vorher zu töten, weil das überflüssige Kosten verursacht.

Geradezu rührend, wenn ein Bundesministerium mit bürokratischem Ernst Zahlen verkündet wie die, dass der »Verbrauch« an Ratten von 398.785 im Jahr 1998 auf 403.227 im Jahr 1999 gestiegen sei. Bis auf die letzte Einerstelle weiß man das da... Ein Ex-Mitarbeiter der GSF (Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, München) hat einmal (schriftlich) geschildert, wie die toten, die verletzten und verstümmelten und die überzähligen gesunden zusammen in große Tonnen geworfen werden, wo dann die Lebenden über die Toten zu steigen suchen im Massengrab, bis das Gas - manchmal erst nach Tagen oder einer Woche, wann die Tonne eben voll ist - eingeleitet wird, das auch dem verzweifeltsten Lebenswillen ein Ende setzt. Die Tonnen standen auf den Fluren der GSF, Mitarbeiter/innen, Sekretärinnen, Putzfrauen gingen täglich an ihnen vorbei.

Einmal Opfer, immer Opfer. Ratten werden sowieso massenhaft umgebracht. Das Bundesseuchengesetz gibt sie zur Vernichtung frei, mehr noch: es fordert Vernichtung. Schädlingsbekämpfung ist ein seriöser Beruf, wenn auch nicht gerade Elite. Und kein Gartenbesitzer, kein Hausmeister, kein Gastwirt wird für das Totschlagen einer Ratte mit Besenstiel oder Eisenstange auch nur missbilligend angeschaut. Die Definition als Schädling hebelt noch das kleinste bisschen Tierschutz aus und das kleinste bisschen Mitgefühl. Mindestens unter den Säugetieren ist die Ratte das Allerletzte. Müll.

Einmal geächtet, immer geächtet. Und so wird kein Professor und kein Laborant, nicht in Kyoto und nicht in Parma oder Heidelberg, einen Hauch eines Schattens von schlechtem Gewissen haben, wenn er/sie ein paar Dutzend, ein paar Hundert Sprague Dawleys oder Wistars, eigens dafür gezüchtet, ausgiebig foltert, bevor sie umgebracht werden. Nicht, dass die »ethischen Bedenken« bei anderen Tieren wesentlich stärker wären. Aber immerhin können sie manchmal auftreten, bei Hunden oder Affen vielleicht, oder sie werden von außen lautstark erhoben. Grausamkeit gegen Hunde, Katzen, Affen stößt auf Widerwillen bei der Bevölkerung. Sie muss zunehmend mit hehren Gründen gerechtfertigt werden. Bei Ratten ist der Widerwille schon in sie selbst verlegt - es bleibt nicht viel Raum, sich über die ekelhafte Grausamkeit zu empören, wenn sie einem Ekelwesen angetan wird.

Welch glückliche Fügung, dass es lebenden Müll gibt, mit Gehirn, Herz, Blutkreislauf, Nerven, Leber, Nieren, Augen, Ohren und vielen anderen Organen im Kleinformat. Spielpuppen, Tamagochis, die auch noch den Vorzug haben, fühlen zu können. Da kann man spielen ohne Ende. Etwa das »Verzweiflungsspiel«. Dabei lässt man Ratten in einem kleinen runden Becken schwimmen, bis sie aufgeben und sich treiben lassen. Gemessen wird die Verzweiflung, die aus der Aussichtslosigkeit einer Rettung entsteht, und zwar so, dass man den Zeitablauf vor der Selbstaufgabe misst. Das mit dem Kopf knapp über dem Wasserspiegel treibende Tier wird herausgenommen und nach Eingabe eines zu testenden Mittels in verschiedenen Verabreichungsformen der wiederholten Wiederholung der Schwimmrunden ausgesetzt. Es handelt sich um eine tausendfach eingesetzte Messeinheit: Die Not der schwimmenden Ratte. Ein S.S. Chatterjee in Karlsruhe mit seinem Team testet zum Beispiel ein Antidepressivum nach diesem Muster. Ein Versuch mit 178 Ratten, über zwei Wochen täglich - ausser Samstag und Sonntag- durchgezogen, soll zeigen, ob das chemische Agens des Mittels die Reaktion der Ratten auf die Ausweglosigkeit beeinflusst. Schließlich ist Depression, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit ein chemischer Vorgang.

Auch Angst wird gemessen. Dazu dient das »Meideverhalten«. Etwa bei Versuchen wie diesem: 308 Ratten Verschleißmaterial. Sie bekommen Elektroden in den Schädel gepflanzt (unter Narkose, sonst würden sie strampeln und beißen) und irgendwelche Substanzen zugeführt, dann werden ihnen (bei wachem Zustand) Fußschocks versetzt. Die Elektroden melden die Anstrengungen der Ratten, den schmerzhaften Schocks auszuweichen. Dies ein Beispiel (eins von unzähligen) aus dem Bereich Psychiatrie und Psychopharmakologie, durchgeführt von einem Reiner Rupprecht & Co., vielen Co's, am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, unter Mitwirkung eines Mittäters der Firma Merck in Darmstadt, die Psychopharmaka herstellt.

Ein K. F. Hamann von der HNO-Klinik der TU München macht etwas anderes, mit Hilfe von Kollegen aus Zürich und Rouen: Bei 20 Ratten werden Organe des Innenohrs zerstört und bestimmte Nerven durchschnitten. Dadurch entsteht beim Heranwachsen eine Fehlstellung der Augen, des Kopfes, der Vorderbeine. Monate (!) später werden Halteapparaturen in die Schädel geschraubt (unter Narkose, s.o.) und eine kleine Drahtspule an der Augenhornhaut befestigt. Im wachen Zustand werden dann die Bewegungen der verstellten Augen gemessen, wozu der Kopf mit den Halterungen fixiert wird.

Manuel B. Graeber, Martinsried, unterstützt von Kollegen aus Japan, durchtrennt den Gesichtsnerv und misst die Auswirkungen auf die Gehirnzellen. Tötung nach bis zu 10 Tagen.

Man kann auch bestimmte Gehirnbereiche durch Kälte schädigen, indem ein -78°C kalter Kupferzylinder auf die Hirnhaut gepresst wird, wie das ein Christoph Görlach von der Uni München macht, unter Mithilfe auffallend vieler Damen, von denen eine Ehrenreich heißt.

Statt Kälte darf es auch 52°C heißes Wasser sein, in das man die Füße von Ratten taucht, denen vorher eine Lösung ins Sprunggelenk injiziert wurde, die schmerzhafte Entzündungen hervorruft, wie das Jan Schadrack und W. Zieglgänsberger in München, in Zusammenarbeit mit diesmal portugiesischen Kollegen tun, Rheumatologen. Man kann Ratten auch alkoholsüchtig machen und sie dann dem Horror der Entzugserscheinungen aussetzen. Herr Höller, der sich dieser Variante widmet, unterrichtet uns, dass die Ratten nach dem Entzug den 20-prozentigen Alkohol bevorzugen und sich »ängstlicher verhalten«.

Kein Gebiet, für das man nicht Ratten zum Probieren hernimmt, kein Ort, wo man das nicht tut, (außer Deshnoke in Indien, wo sie heilig sind und zu Tausenden im Tempelbezirk leben, gefüttert und gestreichelt werden.)

Angst, Verzweiflung, aktiver Lebenswille, Fluchtversuche, Schmerzvermeidungsaktivitäten - all das Beweis für die Innenseite lebendiger Wesen - und sie wird ja nicht übersehen oder altmodisch cartesianisch geleugnet, sondern gerade sie fungiert als Messinstrument. Noch so verzüchtet, Albinoratten, weiß wie die Wände des Labors und die Kittel des Personals, steril aufgezogen ohne Kontakt zu Mensch, Tier oder Pflanze, der abgründigsten Langeweile im Käfig ausgeliefert, den aberwitzigsten Folterungen ausgesetzt, haben sie diese Innenseite des Lebens, die Wahrnehmung, das Erleben, das Erleiden immer noch. »Niedere Tiere« ? Was ist das? Selbst nach der vom Menschen erdachten Ordnung der Tierwelt gehören Säugetiere zu der »höheren« Sorte. Ratten sind Säugetiere, sie gebären ihre Kinder, putzen, füttern und beschützen sie, sie bilden Familien, Gemeinschaften, verständigen sich untereinander, orientieren sich mit ihrem Gehirn und ihren Sinnen in der Welt, bauen sich Wohnstätten, suchen selbständig ihre Nahrung, verteidigen ihr Leben. Menschen, die sie nicht als Müll betrachten, kennen sie als lernfähig, neugierig und intelligent, als zärtliche Mütter und umsichtige Clanmitglieder, sogar als anhänglich an freundliche Zweibeiner.

Die »höheren Tiere« der Gattung Mensch hingegen nutzen eine ihrer besten Gaben, die Phantasie, um sich ein Bild von der Ratte zu machen, das mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat wie der Mann im Mond. Räuberische Aggressoren, Menschenfresser, Pestbringer sollen sie sein, Allesvernichter, Boten des Weltuntergangs. Die Phantasie vergrößert Einzeltiere zu Riesen und Gruppen zu Millionenheeren, besetzt den feingegliederten, feinbehaarten Rattenschwanz mit abstrusen Ekelvorstellungen und assoziiert das vernünftige Schutzgebiet der verfolgten nachtaktiven Geschöpfe in dunklen unterirdischen Bereichen mit der »Unterwelt«, mit Verbrechergesindel und Hades und Höllenpfuhl. Und dann - eine Meisterleistung der Logik - kann man dieses erfundene Monstrum in seiner realen Erscheinungsform als kleines normales Tier grenzen- und gewissenlos massakrieren. Wenn die Horrorfiktionen zu verblassen drohen, genügt es, ab und zu ein unbestätigtes Gerücht aus einem exotischen Slum zu kolportieren, wo angeblich eine Ratte ein Baby angeknabbert habe, um den milliardenfachen realen Horror an ihren Artgenossen zu rechtfertigen.

Der österreichische Dichter Turrini, (er lebt heute, nicht im Mittelalter), bringt es auf den Punkt, wenn er seinem Hass auf die Ratten freien Lauf lässt, weil er sich vorstellt, dass sie in ihrer grandiosen Überlebensfähigkeit (als Art) einmal die Gattung Mensch überleben werden. Diesen Hass und diese Ängste der Menschen, die Projektionen ihrer eigenen Grausamkeit, Gefräßigkeit und Schädlichkeit, muss die einzelne kleine Ratte im Labor bitter bezahlen. Als die phantasierte Verkörperung des Bösen ist sie ein ideales Versuchsobjekt, um die Zusammensetzung des Organismus Mensch und seiner Reaktionen auf Chemie und Strahlen, auf Gift und Verletzung und Krankheit, auf Hunger und Durst und Kälte und Hitze, auf Sucht und Entzug, im psychologischen Innenbereich auch auf Isolation und Enge und Überbevölkerung, auf soziale Entbehrungen, Kontaktarmut und Lieblosigkeit zu studieren. Wie ähnlich muss de Ratte dem Menschen sein, dass sie für das alles ein Exerzierfeld abgibt? Eine Voraussage lässt sich aber ohne Phantasie riskieren: Noch die ausgeklügeltsten Forschungen werden nicht das Gen des Bösen in der Ratte finden, das den Menschen befähigt, ihr alles Böse dieser Welt anzutun.


Die Versuchsbeschreibungen stammen aus der »Datenbank Tierversuche«.
 
Startseite   Drucken   Beitrag weiterempfehlen