Rinder sollen künstlich mit BSE infiziert werden Eine Nachricht und eine Glosse von Leon Bernstein
Deutsche Wissenschaftler beginnen gegen Jahresende eine neue Versuchsreihe zur Erforschung von BSE. Das Projekt sieht vor, 50 Rinder künstlich mit dem Erreger zu infizieren, indem BSE-befallenes Gewebe von erkrankten Tieren ins Futter gemischt wird. Für den Versuch, der auf fünf Jahre angelegt ist, wurde auf der Ostsee-Insel Riems im Greifswalder Bodden von der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten eigens ein Stall gebaut, in dem die Rinder unter strenger Quarantäne gehalten und beobachtet werden sollen. Die Bundesforschungsanstalt hatte das Projekt schon im Januar, auf dem Höhepunkt der BSE-Krise, angeregt. Das Bundesforschungsministerium bezieht es in die sogenannte »nationale Plattform« TSE ein. Dieser Begriff umfasst alle Transmissiblen Spongiformen Enzephalopathien, das heißt die schwammartigen Hirnerkrankungen wie BSE bei Rindern, Scrapies bei Schafen und die Creutzfeld-Jakob-Krankheit beim Menschen. Die Plattform trat im Juli in München zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Die verschiedenen Forschungsvorhaben sollen miteinander vernetzt werden. Bei dem Langzeitversuch auf Riems wollen die Wissenschaftler »mehr Erkenntnisse über die noch weitgehend unverstandene Infektion« gewinnen. Die Erreger verschwänden nach der Infektion für bis zu viereinhalb Jahren im Körper der Tiere und seien in dieser Zeit nicht nachweisbar, erläuterte der Sprecher der Anstalt Martin Groschup. Die Forscher wollen daher den künstlich infizierten Rindern laufend Blut- und Gehirnwasserproben entnehmen und »die Tiere sukzessive töten«, wie Groschup erklärte. Dias Bundesforschungsministerium stellt dafür und für einige andere Projekte in den kommenden Jahren 23 Millionen Mark zur Verfügung.
Es fällt schwer, dem Wahnsinn innerhalb eines wahnsinnigen Systems immer wieder auf der Spur zu bleiben. Aber es ist notwendig gegen die Gewöhnung. Wo Millionen Rinder zur Marktbereinigung umgebracht werden, wo Millionen Rinder ganz normal und alle Tage zum Verzehr ihrer Körperteile geschlachtet werden, wo sie prophylaktisch zur (angeblichen) Sicherheit ihrer Verbraucher verbrannt werden, da liegt es innerhalb dieser Logik, sie auch zu Versuchszwecken mit Krankheiten zu infizieren und dann zu töten. Rinder kommen nur auf die Welt, um getötet zu werden. Getragen von dem Konsens einer Gesellschaft, die für ihr eigenes Wohlergehen und ihre Sicherheit ungerührt über Leichen geht, können eben auch seriöse Journalisten Meldungen wie die obige ungerührt abfassen und veröffentlichen, die seriöse Forscher ihnen ungerührt in die Feder diktieren. Sätze wie »Die Forscher wollen den (50) künstlich infizierten Rindern dann laufend Blut-und Gehirnwasserproben entnehmen und die Tiere sukzessive töten« klingen im Zeitalter der industriellen Tierhaltung denn auch dem gewöhnlichen Leser nicht mehr wie Passagen aus Schauerromanen. Man hat sich an die Unzumutbarkeiten, die Tieren zugemutet werden, schon so sehr gewöhnt, dass sie zur Normalität geworden sind. Warum sollte man nicht Tiere bewusst in den Wahnsinn treiben und sie bei dem Verlauf der schmerzhaften Krankheit sachlich kühl beobachten, wenn sie doch ohnehin zum Getötetwerden da sind? In schöner Offenheit kann mitgeteilt werden, dass die »Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten« das Projekt, für das sie das schöne Geld bekommt, selbst angeregt hat »Das Bundesforschungsministerium stellt dafür und für einige andere Projekte in den kommenden Jahren 23 Millionen Mark zur Verfügung.«. Sukzessive. Wieder mal ein nettes Exempel für die durch Gewöhnung akzeptierte Logik der Tierversuche: Bei einer bestimmten Tierart tritt (unwillentlich, aber leichtfertig von Menschen erzeugt) eine Krankheit auf. Da sie auf Menschen übertragen werden kann, werden die Kranken getötet, (die Gesunden in ihrem Umfeld gleich mit). Dann infiziert man Gesunde mit der Krankheit und lässt sie schön langsam sterben. Dadurch sollen später (wenn die Prozedur nach der Methode Versuch und Irrtum, Irrtum und Versuch irgendwann mal ein Ergebnis bringt) andere vor der Krankheit geschützt werden, damit wieder andere, Menschen nämlich, nicht krank werden. Die kranken und die (diesmal nicht unwillentlich) krank gemachten Tiere sind nur ein Durchgangselement. Ihr eigenes Leiden an der Krankheit ist ohne jede Relevanz. Niemand will sie davon befreien, wäre ja auch unlogisch, sie erst krank zu machen, um sie dann zu heilen. Sie sind ja nur Modelle, als wären sie aus Plastik. Sie sind stellvertretend krank für andere. Und werden dafür mit dem Tod bestraft. Da man sich einig ist, dass sie ohnehin zum Töten da sind, ist auch dieser Tod nicht von Belang. Er dauert nur ein bisschen länger, ist schmerzhafter, na und. Als nach der Wende in Ostdeutschland die Arbeiter der zusammenbrechenden LPGs (der landwirtschaftlichen Genossenschaften, einer »sozialistischen« Spielart der Massentierhaltung) ihre Ferkel an die Wand warfen, um sie loszuwerden, hieß es, das höre sich zwar nicht so hübsch an, aber sie wären ja ohnehin getötet worden. Die Bestimmung zum frühen und unnatürlichen gewaltsamen Tod ist der große Rechtfertigungsschirm, der alle anderen Misshandlungen und die jeweiligen Todesarten zur Bedeutungslosigkeit relativiert. Tiere, »Nutztiere« zumal, haben kein eigenes Leben, ihr Nervensystem, das ihnen die Natur zum Erleben von Leiden und Freuden dummerweise auf den Weg gegeben hat, ist vom Menschen als Modell für seine eigenen Leiden und Freuden okkupiert, wie das Stückchen Land armer Leute vom Großgrundbesitzer. Der Wahnsinn innerhalb des wahnsinnigen Systems wird nicht mal mehr wahrgenommen, findet Unterschlupf unter dem großen Rechtfertigungsschirm. Niemand schreibt auch nur eine Satire über das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts (seriöse Richter), das einem einfallsreichen Performance-Künstler kürzlich erlaubt hat, eine (dafür getötete) Kuh vom Hubschrauber aus auf einen öffentlichen Platz im Bezirk Prenzlauer Berg zu werfen, wo sie, da ihr die Innereien entnommen und durch Feuerwerkskörper ersetzt waren, zum Vergnügen von ca. 3000 Zuschauern explodierte. Die Richter machten nur eine Auflage für dieses lustige Spektakel: Die Kuh musste BSE-frei sein. |