Äffchen Andi oder Der Weg zum genmanipulierten Menschen

In den USA ist zum ersten Mal ein gentechnisch manipulierter Affe zur Welt gekommen. In das Erbgut wurde das Leucht-Gen einer Qualle eingesetzt. Da Primaten zoologisch zu der Familie gehören, der auch der Mensch zugerechnet wird, ist damit ein entscheidender Schritt zur genetischen Veränderung von Menschen getan - während eine naive Ethik-Diskussion immer noch behauptet, dass »man« dies niemals »zulassen« werde.

Das Affenbaby ANDI hat den zweifelhaften Vorzug, das erste Geschöpf der Gattung »Primaten« zu sein, das nach Veränderung seiner Genstruktur durch den Primaten Mensch das Licht der Welt erblickte. Geburtsort: Portland / Oregon, USA. Besondere Kennzeichen: Das Äffchen trägt ein Gen in sich, das die Natur für Quallen vorgesehen hat, um sie zum Leuchten zu bringen. Diese auffallende Eigenschaft wird im Zuge der technisch möglich gewordenen Übertragung von Genen neuerdings gern in das Erbgut von Tieren anderer Arten eingesetzt wo sie keinen sinnvollen Zweck erfüllt, aber deutlich leuchtend das Gelingen des Experiments beweist. Bei Affen war es bisher nicht gelungen, ein fremdes Gen zu implantieren. Dies ist nun erstmals an der Oregon Health Sciences University in Portland geglückt.

Wie viele Versuche der Erschaffung des »leuchtenden« Rhesusaffen vorausgegangen sind, wird wohl nie jemand erfahren. Fehlgeburten und Missbildungen zählen nur als Schritte auf dem Weg, höchstens als Kostenfaktor, und Tod, Leiden und Schmerzen von Versuchstieren sind nach dem Moralbegriff der Wissenschaft ohnehin eine quantité négligeable.
Als wissenschaftlich relevante Daten aus dem Vorfeld gibt die Forschergruppe um Gerald Schatten, die das genetisch veränderte Äffchen ANDI produziert hat, nur bekannt, dass 224 Eizellen manipuliert und künstlich befruchtet, dass 40 der so entstandenen Embryonen 20 Leihmuttertieren eingesetzt und dass 5 von diesen schwanger wurden. Drei Affenbabys kamen schließlich zur Welt, nur eins davon war dann tatsächlich genetisch verändert. Den Namen ANDI erhielt es aus dem englischen Kürzel DNA für das Erbgut (deutsch DNS) mit vorangestelltem »i« für »inserted« (eingefügt), also iDNA - rückwärts gelesen. Für Humor haben TierexperimentatorInnen schon immer einen gewissen Sinn gehabt.

ANDI scheint noch nicht alle Erwartungen zu erfüllen, denn das eingesetzte Fluoreszenz-Gen einer Qualle bringt ihn ( unter Blaulicht) nicht so recht zum Leuchten. Worin der Erfolg des Experiments besteht, wird aus der vorliegenden Darstellung nicht ganz deutlich, vielleicht leuchtet er nur zu wenig, vielleicht wurden noch andere Gene eingesetzt, vielleicht ist es die Tatsache, dass er überhaupt überlebt hat. Jedenfalls wird der erste gen-manipulierte Affe, der lebend geboren wurde, von der Wissenschaft gebührend gewürdigt.
Bei anderen Tierarten gehören Eingriffe in das Erbgut schon seit Jahren zur Praxis.«Leuchttiere« aller Art werden laufend »hergestellt« .So konnte in Chicago kürzlich ein grünschimmerndes Kaninchen von einem Künstler(!) in Auftrag gegeben werden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Onko-Maus, die dank Gentechnik bestimmte Krebsarten entwickelt, ist sogar patentiert. Bei Affen war die Forschung in dieser Hinsicht noch nicht so erfolgreich. Der Einbau fremder Gene ist technisch extrem schwierig, die Zielgenauigkeit noch nicht erreicht. Die Kosten sind enorm hoch. Aber das alles wird die - natürlich nicht nur in Oregon laufenden - Versuche nicht stoppen. Der Ehrgeiz dürfte nach dem Durchbruch in Portland eher noch beflügelt werden.

Wozu dienen genetische Manipulationen an Primaten? In einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« äußert sich dazu der stellvertretende Direktor des GSF-Forschungszentrums in Neuherberg bei München, Jerzy Adamski, einigermaßen unverblümt: » Damit Affen in Tierversuchen zur Simulation bestimmter Krankheiten eingesetzt werden können.« Beiläufig bemerkt er noch, dass für solche »Studien« Versuche mit Mäusen und anderen Tieren als wenig aussagekräftig in Bezug auf den Menschen gelten. (Was natürlich nicht zur Folge hat, dass nicht weiterhin die Mäuse und anderen Tiere fortlaufend dran glauben müssen.)

Adamski gibt sogar »ethische Bedenken« gegen Erbguteingriffe bei Affen zu. Wörtlich: »Immerhin sind das Geschöpfe, die schon denken.« Doch auch dieses Kriterium, so verfehlt es ethisch ohnehin ist, vergisst er sofort wieder und lobt die Arbeit der Kollegen von Portland als großen Fortschritt.

In den USA (und zumeist auch hierzulande) tauchen »ethische Bedenken« überhaupt erst dann auf, wenn von zukünftigen genetischen Eingrffen bei Menschen die Rede ist. Und da wird (ganz im Sinne des Vatikans) die - unvermeidliche - massenhafte Opferung von Embryonen als moralisches Hauptproblem betrachtet. Eventuell noch die Gefahr, dass bei Eingriffen in die Keimbahn versehentlich andere, lebenswichtige Gene beschädigt werden könnten - mit anderen Worten, dass zu viele Missbildungen, Totgeburten oder unerwartete Eigenschaften herauskommen. Namhafte Forscher wie James Watson schwärmen dennoch unverdrossen von der Chance, durch Genmanipulation »bessere Menschen« zu erzeugen.

Experimente mit Primaten sind ( »natürlich«) schon seit Jahrzehnten an der Tagesordnung. Je höher das Knowhow und der Forschungsetat, je ehrgeiziger der Anspruch, desto beliebter werden Affenversuche - was sich auch leicht in unserer Datenbank ablesen lässt. Der Durchbruch mit ANDI hat aber insofern eine neue Qualität, als er das Ziel, den genmanipulierbaren Menschen, in greifbare Nähe rückt. Die Grenzen innerhalb der Primatenfamilie sind fließend. Wem vor dem Gen-Menschen graust, der könnte spätestens hier erkennen, dass die Doppelmoral, die das Tier preisgibt und den Menschen schützen will, nicht nur moralisch unhaltbar ist, sondern auch auf einer künstlichen, naturwissenschaftlich schlechterdings unsinnigen Grundlage beruht. Mag sich mensch von der Maus noch himmelweit entfernt fühlen und über das geklonte Schaft Dolly Witze reißen - mit ANDI rückt ihm die Verwandtschaft unübersehbar nah auf die Haut. Milliarden von Tieren sind unter der falschen Prämisse der menschlichen Einzigartigkeit geopfert worden. Aber da sie weiterhin aufrechterhalten wird, steht zu erwarten, dass es den leuchtenden Menschen eher geben wird als den erleuchteten.


 
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