Kein Zweck heiligt die Mittel

Dr. Bernhard Rambeck - Leiter der Biochemischen Abteilung des Epilepsiezentrums in Bielefeld schreibt an Prof. Wolf Singer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt/Main.

Dr. Rambeck ist Autor des Buchs »Mythos Tierversuch« und aktives Mitglied der »Ärzte gegen Tierversuche«. In seinem Brief an den Hirnforscher Singer zeigt er die tatsächlichen Vorgänge bei dessen Versuchen an Katzen auf - die ihm, wie er schreibt, »den Atem verschlagen« haben. Die Einzelheiten entnahm er einer Fachzeitschrift für Neurologie, in der eigenen Darstellung des Experimentators, während im »Spiegel« eine harmlos wirkende Version zu lesen war. Singer führt derartige Versuche schon seit Jahrzehnten durch. Für seine Arbeit auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung wurde er in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen und erhielt u.a. den »Kulturpreis« der Stadt Frankfurt.

In dem persönlich gehaltenen Brief vom 12. Januar 2001 legt Dr Rambeck eindringlich die Gründe für seine Ablehnung jeder auf Tierversuchen aufbauenden Forschung dar. Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten.



Dr. B. Rambeck, Bielefeld
(Leiter der Biochem.Abteilung eines Epilepsiezentrums)

Herrn
Prof.Wolf Singer
Max-Planck-Institut für Hirnforschung
Deutschordenstr. 46
60528 Frankfurt/M

12.Januar 2001

Sehr geehrter Herr Prof.Singer,

vor mir liegt der Spiegel (1/2001) mit Ihrem Interview zum Stand der Bewusstseinsforschung. Abgebildet unter anderem ein niedliches, unversehrtes Kätzchen im Sehlabor. Was dabei nicht zu sehen ist, geht aus einer Veröffentlichung (European Journal of Neuroscience 2000: 12, 3315-3330) aus dem von Ihnen geleiteten Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt über Experimente mit Katzen hervor. Diese Arbeit, als deren Autoren u.a. Dr.Galuske und Sie zeichnen, wäre den Spiegellesern auch kaum zuzumuten. Sie zeigt schlaglichtartig die Problematik der tierexperimentellen Forschung auf.

Was ich hier in dieser Veröffentlichung lese, verschlägt mir den Atem! Sie und Ihr Mitarbeiter experimentieren mit 30 jungen und älteren Katzen, als wären das Wegwerf-Artikel oder Rohmaterial für Ihre Forschung. Den für den Eingriff anästhesierten Tieren werden kleine Pümpchen im Halsbereich unter die Haut eingepflanzt, um Substanzen freizusetzen. Die Pumpen sind über dünne Plastikschläuche mit Hohlnadeln aus Stahl verbunden, die durch die Schädeldecke ins Gehirn gesteckt wurden. Sie nähen diesen Tieren ein- oder beidseitig die Augenlider zu. Nach ein bis drei Wochen fräsen Sie unter erneuter Anästhesie den Schädel über der Sehrinde des Gehirns auf, befestigen mit Zahnzement einen Sockel darauf und führen Messungen durch. Alles dies im Rahmen der Grundlagenforschung. Am Ende des Experiments werden die Tiere durch ein Barbiturat getötet. Wie harmlos und irreführend wirkt dagegen die Abbildung auf Seite 155 des Spiegels.

Dies ist nur ein Beispiel. In anderen Publikationen von deutschen Universitäten und Max-Planck-Instituten - an vielen sind Sie oder Ihre Mitarbeiter aktiv beteiligt - wird beschrieben, wie bei jungen Katzen Augenmuskeln durchschnitten werden, um die Tiere zum Schielen zu bringen, wie neugeborene Kätzchen zusammen mit Ihren Müttern in Dunkelkammern aufgezogen werden, wie anästhesierte Katzen in Halteapparaturen fixiert werden, um mit Messelektroden im Gehirn Sehvorgänge zu studieren, usw. usw. Von den Experimenten mit Affen will ich gar nicht erst reden.

Herr Prof.Singer, was in Ihrem Institut und unter Ihrer Leitung passiert, ist schlichtweg grauenhaft. Wissen Sie, dass es in Deutschland unzählige Tierfreunde gibt, die jede Minute ihrer Freizeit dafür opfern, neugeborene, alte, kranke, elende Katzen zu retten, zu versorgen, zu pflegen? Und Sie, Herr Prof.Singer, nähen eben diesen Tieren die Augen zu! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie eine Beziehung haben zu diesen wunderbaren Tieren, mit denen Sie »arbeiten«, sonst könnten Sie mit diesen Kätzchen, Katzen und Katern, nicht so umgehen. Was Sie in Ihrem Tierlabor machen oder machen lassen, muss doch jeden »normalen« Menschen entsetzen! Diese Tiere, und das gilt nicht nur für diese armen Katzen, sondern auch für all die Affen, Hunde, Schafe, Meerschweinchen, Kaninchen, Ratten oder Mäuse, die in den Tierlaboratorien »geopfert« werden, diese Tiere sind - auch wenn sie keine Sprache, kein Bewußtsein, keine Intelligenz in unserem Sinne besitzen, viel zu wertvoll für Wissenschaft und Forschung. Wenn sich Informationen nur durch so grauenhafte Experimente erzielen lassen, wie sie in Ihrem Institut durchgeführt werden, müssen wir auf diesen Erkenntnisgewinn verzichten. Sie können in diesem Fall nicht einmal das beliebte Argument der angeblichen Notwendigkeit für den medizinischen Fortschritt verwenden, Ihre Grundlagenforschung mit diesen Katzen ist vom Standpunkt des Mediziners gesehen bedeutungslos, unwesentlich, absolut nicht notwendig.

Ich bin selbst Wissenschaftler, Leiter der klinisch-pharmakologischen Forschungsabteilung eines Epilepsiezentrums, und ich bin an vielen Fragestellungen der Forschung sehr interessiert und aktiv beteiligt. Seit 25 Jahren arbeite ich im Bereich der Epilepsieforschung, Ihre Studien mit den blind gemachten Katzen bringen der Medizin gar nichts, werfen aber ein schlechtes Licht auf die Wissenschaft. Die breite Öffentlichkeit erfährt von Ihren Experimenten nichts, denn Sie, Herr Prof.Singer, zeigen Bilder von harmlosen, unversehrten Tieren! Die Bilder von Kätzchen, denen ein- oder beidseitig die Augen zugenäht wurden, auf deren geöffnete Schädel Messkammern zementiert wurden, zeigen Sie nicht. Die traurigen Bilder von Affen im Primatenstuhl mit im Gehirn steckenden Messelektroden verheimlichen Sie. Die Kadaver der im Dienst der Wissenschaft umgebrachten Tiere verbergen Sie. Mit gutem Grunde. Ein Aufschrei des Entsetzens würde durch die Republik gehen! Sie erinnern sich an die Probleme mit Prof.Kreiter und den Affenversuchen in Bremen, sogar Professoren und Studenten der Universität Bremen distanzierten sich von dieser Extremform der Wissenschaft!

Meines Wissens sind Sie vor einiger Zeit in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen worden. Die Kirche gebraucht gerne den Begriff Schöpfung, interessiert sich aber leider nur für die menschlichen Geschöpfe. Der Rest aller Lebewesen - Tiere im Versuchslabor, in der Massentierhaltung, in der Pelztierzucht usw. - interessiert sie traditionsgemäß nur in zweiter Linie. Tiere sind für sie unbeseeltes Material, das dem Menschen zu dienen hat. In einem entsprechenden Sinne forschen auch Sie - mit Katzen, Affen und anderen Tieren. Aber es gibt immer mehr Zeitgenossen, auch Ärzte und Wissenschaftler, die mit dieser brutalen Form der Wissenschaft nicht mehr einverstanden sind.

Als klinisch-pharmakologisch tätiger Wissenschaftler bin ich seit vielen Jahren bei der Vereinigung »Ärzte gegen Tierversuche« e.V. engagiert. Ich betreue in meiner Freizeit eine Datenbank, in der Tierexperimente erfasst werden, die in den letzten Jahren in Deutschland gemacht und in internationalen Fachzeitschriften publiziert wurden. Wir (das sind Mediziner und Wissenschaftler dieser Vereinigung) übersetzen tierexperimentelle Studien in eine auch für Nichtmediziner verständliche Sprache und dokumentieren sie in einer Datenbank. Im Internet finden Sie sie unter »www.datenbank-tierversuche.de«

In dieser Datenbank sind inzwischen mehr als 1200 in deutschen Laboratorien durchgeführte Tierexperimente mit allen nötigen Quellenangaben dokumentiert. Die Forschungsinstitute werden genannt, aber keine Adressen - zu Ihrer Beruhigung. Wir bewerten diese Experimente nicht, wir dokumentieren bloß. Unsere Adressaten sind nicht die Tierschützer, sondern kritische Journalisten, Politiker, Wissenschaftler. Wir wollen zum Nachdenken darüber anregen, ob alles, was in der heutigen Wissenschaft möglich ist und interessant erscheinen mag, tatsächlich auch gemacht werden darf. Bitte besuchen Sie diese Datenbank einmal und lesen Sie selbst! Jeder Experimentator ist überzeugt, dass sein Experiment einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaft leistet. Jedes Experiment ist von einer Kommission abgesegnet, von einer Behörde genehmigt. Ich weiss. Trotzdem - diese Form der Wissenschaft lehne ich ab. Diese, verzeihen Sie, schauerlichen Experimente, beschrieben in einer abgehobenen Wissenschaftssprache, mit Affen, Hunden, Katzen, ja und auch mit unzähligen Ratten und Mäusen, das ist für mich keine Wissenschaft mehr. Die Tiere werden nicht abgeschlachtet, sondern »sacrified«, geopfert. Die Katzen werden nicht geblendet, sondern monocular oder binocular »deprived«, d.h. es wird ihnen ein- oder beidseitig das Augenlicht entzogen.

Ich weiss vielleicht wie kaum sonst jemand in Deutschland um Tierversuche Bescheid, weil ich alle 1200 Experimente im Original nachgelesen und geprüft habe, bevor ich sie zur Eingabe in die Datenbank bzw. ins Internet freigegeben habe. Insgesamt gesehen hat das nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, das erscheint eher wie eine Sammlung von grauenerregenden Vorfällen in deutschen Laboratorien.

Ich bin wirklich kein Gegner der Wissenschaft und ich finde Forschung ungeheuer spannend, wie Ihnen vielleicht meine wissenschaftlichen Kollegen bestätigen werden. Ich kenne viele Wissenschaftler, die sich vom Tierexperiment ganz oder weitgehend abgewandt haben, weil es heute fantastische Möglichkeiten gibt »in vitro« oder mit computergestützten diagnostischen Geräten in der Klinik wichtige Fragestellungen zu bearbeiten. Forschung kann wirklich Spaß machen, aber eine Forschung, die über Leichen geht - auch wenn es Tierleichen sind - lehne ich ab. Kein Zweck heiligt die Mittel, keine noch so interessante Fragestellung rechtfertigt einen so brutalen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen wie er in vielen Forschungsinstituten stattfindet!

Mit freundlichem Gruß

Dr. Bernhard Rambeck
 
Startseite   Drucken   Beitrag weiterempfehlen